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4. Hessisches Geflügelkolloquium

Freilandhaltung verlangt ein neues Verständnis vom Auslauf

Mit dem wachsenden Anteil von Freiland- und Ökohaltung verschiebt sich das Management in den Außenbereich. Beim 4. Hessischen Geflügelkolloquium wurde der Auslauf als Produktionsraum diskutiert.

von Vivien Kring Quelle 4. Hessisches Geflügelkolloquium erschienen am 12.02.2026
Mit dem steigenden Anteil der Freilandhaltung rückt die Strukturierung des Auslaufs in den Mittelpunkt der Betriebsführung. © Shutterstock
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Der Auslauf ist in vielen Betrieben zur größten betrieblichen Stellschraube geworden. Beim 4. Hessischen Geflügelkolloquium am 11. Februar 2026 im Landwirtschaftszentrum Eichhof zeigte Dr. Christiane Keppler vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) in Fritzlar, wie stark sich die Rahmenbedingungen in der Legehennenhaltung verändert haben und welche Konsequenzen sich daraus für das Auslaufmanagement ergeben.

Mehr Auslaufhaltung, mehr Exposition

Die Zahlen sind eindeutig. 23,4 % der Legehennen werden inzwischen in Freilandhaltung gehalten, 13,7 % in ökologischer Erzeugung. Zusammen entspricht das 37,1 % der Tiere. Gleichzeitig liegt der Pro-Kopf-Verbrauch bei 249 Eiern pro Jahr. Die Gesamtzahl der Legehennen beträgt 44,6 Millionen Tiere. Mit der steigenden Auslaufhaltung wächst zwangsläufig die Exposition gegenüber Witterung, Umweltwirkungen und Prädatoren.

Keppler machte deutlich, dass der Auslauf nicht als Anhängsel des Stalls verstanden werden darf. Er ist eigenständiger Produktionsbereich mit eigenen Risiken und eigenen Steuerungsmöglichkeiten. Wer Freilandhaltung betreibt, muss den Außenbereich aktiv gestalten.

Analysiert man die Herkunft des Haushuhns werden viele Fragen zur Auslaufgestaltung im Grunde bereits beantwortet. Das Bankivahuhn lebt im dichten Bewuchs, bewegt sich auf engem Raum und ist als Fluchttier stark auf Deckung angewiesen. Diese genetische Prägung wirkt fort. Hennen meiden offene, strukturlose Flächen. Fehlt Deckung, konzentrieren sie sich im stallnahen Bereich. Damit entsteht ein doppeltes Problem. Zum einen wird die Fläche nicht gleichmäßig genutzt. Zum anderen steigt die Anfälligkeit gegenüber Greifvögeln. Struktur im Auslauf ist deshalb kein gestalterisches Detail, sondern die Voraussetzung für die Nutzung.

Rund 37 % der Legehennen in Deutschland werden inzwischen mit Auslauf gehalten – das Management der Außenfläche wird damit zur zentralen Aufgabe.
Rund 37 % der Legehennen in Deutschland werden inzwischen mit Auslauf gehalten – das Management der Außenfläche wird damit zur zentralen Aufgabe. © Shutterstock

Prädation in Zahlen

Wie relevant das Thema ist, zeigte eine Befragung von 149 Betrieben aus Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg. 68 % der Betriebe nannten den Habicht als Verursacher von Tierverlusten, 52 % den Fuchs. Auch Bussard, Marder und weitere Beutegreifer wurden regelmäßig angegeben.

Am Ende der Legeperiode traten Verluste von bis zu 10 % durch Prädatoren nicht selten auf. Die mittleren Gesamtverluste lagen bei 10,4 %. Davon entfielen rund 6 % unmittelbar auf Beutegreifer. Rechnet man diese Zahl auf rund 18 Millionen Legehennen in Auslaufhaltung hoch, ergibt sich eine Größenordnung von etwa einer Million Tieren pro Jahr.

Keppler betonte, dass Schutzmaßnahmen differenziert geplant werden müssen. Greifvögel stellen andere Anforderungen als grabende oder springende Bodenprädatoren. Kombinierte Festzäune mit Elektrolitzen und fachgerechter Erdung gehören ebenso zum Instrumentarium wie Kenntnisse über Spur- und Schadbilder.

Prof. Dr. Oliver Krüger von der Universität Bielefeld vertiefte das Thema mit einem Vortrag zu Verhaltensmustern von Greifvögeln. Er erläuterte artspezifische Jagdstrategien und machte deutlich, dass nicht jeder große Vogel im Auslauf automatisch der Verursacher ist. Eine sichere Bestimmung der Art ist Voraussetzung für wirksame Gegenmaßnahmen. Greifvögel nutzen vorhandene Strukturen gezielt und passen ihr Jagdverhalten an. (Fachbeitrag hierzu folgt).

Stickstoff im stallnahen Bereich

Neben der Prädation rückte Keppler die Umweltwirkung des Auslaufs in den Blick. Etwa zehn Prozent des Hühnerkots verbleiben auf der Auslauffläche. Da sich viele Tiere in Stallnähe aufhalten, konzentriert sich dort auch der Stickstoffeintrag. Vegetationsverlust, Bodenverdichtung und Pfützenbildung sind sichtbare Folgen. Stickstoffgehalte können deutlich über 170 kg pro Hektar liegen.

Frauke Deerberg von der Universität Kassel stellte ergänzend Forschungsergebnisse zu Nährstoffeinträgen im Legehennenauslauf vor. Sie zeigte, dass die Belastung im stallnahen Bereich systematisch höher ist und eine bessere Verteilung der Tiere über die Fläche entscheidend zur Reduzierung von Stickstoffspitzen beiträgt. Strukturierung wird damit auch zu einem Instrument des Gewässerschutzes.

Bepflanzung als funktionale Struktur

Oliver Rinnert vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen in Bad Hersfeld zeigte, dass Gehölzstreifen im Auslauf nicht nur optische Elemente sind, sondern gezielt zur Steuerung der Flächennutzung eingesetzt werden können. In Hessen existieren nach seinen Angaben rund 250 Hektar Agroforstsysteme, bundesweit werden zwischen 1.300 und 3.000 Hektar geschätzt. Darunter befinden sich zunehmend bepflanzte Hühnerausläufe.

Im Zentrum steht häufig Energieholz im Kurzumtrieb. Gepflanzt werden schnellwachsende Gehölze in Streifenform, die sowohl Deckung für die Tiere bieten als auch energetisch nutzbare Biomasse liefern. Die Anlage kleiner Projekte kann in Eigenleistung erfolgen, etwa mit Erdbohrer oder Tiefenmeißel. Entscheidend ist jedoch die Etablierungsphase. In den ersten ein bis zwei Standjahren ist ein konsequentes Unkrautmanagement erforderlich, möglichst als Schwarzbrache, damit die Jungpflanzen nicht von Begleitvegetation verdrängt werden. Bei anhaltender Trockenheit muss bewässert werden, Ausfälle sind zeitnah nachzupflanzen. Wird diese Phase vernachlässigt, sinkt die spätere Strukturwirkung und der Ertrag deutlich.

Die empfohlene Umtriebszeit liegt bei sechs bis zehn Jahren. Danach werden die Gehölze vollständig geerntet und treiben erneut aus dem Stock aus. Der Ertrag wird in Tonnen „atro“ pro Hektar und Jahr angegeben. „Atro“ steht für absolut trocken und bezeichnet die reine Trockensubstanz ohne Wasseranteil. Diese Bezugsgröße ist in der Energieholzwirtschaft üblich, weil der Wassergehalt von Holz stark schwankt und der Energiegehalt nur über die Trockensubstanz vergleichbar ist. Nach Rinnert sind standortabhängig 5 bis 15 Tonnen atro pro Hektar und Jahr möglich, auf durchschnittlichen Standorten etwa 10 t.

Wirtschaftlich entscheidend sind weniger die Ertragszahlen als die Ernteorganisation und die Vermarktung. Die Hackschnitzelvermarktung wird derzeit häufig als kostenneutral oder unrentabel eingeschätzt. Rinnert betonte deshalb, dass der Nutzen in vielen Betrieben im Eigenverbrauch liegt, etwa zur Wärmeerzeugung oder als Einstreu. Zusätzlich entsteht ein indirekter Effekt durch die verbesserte Strukturierung des Auslaufs. Gehölzstreifen fördern die Nutzung weiter entfernter Bereiche, reduzieren die Konzentration der Tiere im stallnahen Bereich und tragen so zur Entlastung stark belasteter Flächen bei.

Photovoltaik im Auslauf

Annalina Behrens von der Fürstenhof GmbH stellte auf Basis ihrer Masterarbeit an der Georg-August-Universität Göttingen die Integration von Agri-Photovoltaik in Freilandhaltungssysteme vor. Agri-PV verfolgt das Prinzip der Doppelnutzung: Dieselbe Fläche dient sowohl der landwirtschaftlichen Nutzung als auch der Stromerzeugung. Im Auslauf von Legehennen bedeutet das, dass Photovoltaikmodule in die Fläche integriert werden, während die Tiere diese weiterhin nutzen.

Technisch sind unterschiedliche Bauweisen möglich. Hochaufgeständerte Anlagen erlauben eine Durchfahrt mit Maschinen und werden häufig im Ackerbau diskutiert. Für die Geflügelhaltung erscheinen bodennahe Systeme praktikabler, da sie geringere Investitionskosten verursachen und konstruktiv einfacher umzusetzen sind. Als Fundament kommen häufig gerammte oder geschraubte Systeme zum Einsatz, die einen vergleichsweise bodenschonenden Einbau ermöglichen und später rückbaubar sind.

Aus Sicht des Tierverhaltens können Module strukturierend wirken. Sie schaffen Schatten, bieten Schutz vor Niederschlägen und reduzieren die Angreifbarkeit durch Greifvögel. Dadurch kann die Nutzung des Auslaufs gleichmäßiger werden. Eine breitere Verteilung der Tiere wirkt sich wiederum auf die Nährstoffverteilung im Boden aus und kann zur Entlastung des stallnahen Bereichs beitragen. In der Literatur wird die Kombination von Tierhaltung und Agri-PV grundsätzlich als geeignet beschrieben, da die Flächen nicht dauerhaft versiegelt werden und die landwirtschaftliche Nutzung erhalten bleibt.

Wirtschaftlich steht der Eigenverbrauch des erzeugten Stroms im Vordergrund. Die Einsparung von Energiekosten kann insbesondere in energieintensiven Betrieben relevant sein. Die befragten Praxisbetriebe bewerten dieses Potenzial positiv, äußern jedoch deutliche Vorbehalte hinsichtlich der Investitionshöhe und der Planungssicherheit. Hohe Anfangsinvestitionen, unklare Vergütungsregelungen und mögliche Abschaltungen bei Netzüberlastung werden als wirtschaftliche Risiken genannt. Als größtes Hemmnis beschrieb Behrens die rechtliche Unsicherheit. Für Anlagen im Außenbereich ist in der Regel eine Baugenehmigung erforderlich. Zwar kann unter bestimmten Voraussetzungen eine Privilegierung nach § 35 Baugesetzbuch greifen, dennoch sind naturschutzrechtliche Prüfungen und gegebenenfalls Ausgleichsmaßnahmen notwendig. Die Genehmigungspraxis wird als uneinheitlich wahrgenommen. Unterschiedliche Auslegungen durch Behörden führen zu Verzögerungen und erschweren Investitionsentscheidungen. Zusätzlich muss der landwirtschaftliche Status der Fläche erhalten bleiben, um weiterhin förderfähig zu sein.

Die gesellschaftliche Akzeptanz wird insgesamt als positiv eingeschätzt, insbesondere wenn Tierhaltung und regionale Stromerzeugung kombiniert werden. Voraussetzung ist eine transparente Kommunikation gegenüber Verbrauchern und Anwohnern sowie eine landschaftlich verträgliche Integration der Anlagen.

Behrens kam zu dem Schluss, dass Agri-PV in der Legehennenhaltung technisch umsetzbar ist und Potenzial zur Diversifizierung bietet, die praktische Umsetzung jedoch maßgeblich von klaren rechtlichen Rahmenbedingungen und verlässlicher Wirtschaftlichkeitsberechnung abhängt.

Lisa Nachbar von der Universität Göttingen ergänzte die Diskussion um weitere Aspekte zu Chancen und Herausforderungen von PV-Anlagen in Freilandhaltungssystemen. Gunda Pfaffenbach berichtete aus der Praxis über Erfahrungen mit Pappeln und Herdenschutzhunden im Auslauf.

Auslauf als strategischer Bestandteil

Das Kolloquium zeigte, dass Prädation, Stickstoffeinträge und Flächennutzung eng miteinander verknüpft sind. Strukturierung im Auslauf kann Verluste reduzieren und Umweltbelastungen mindern, ersetzt jedoch kein konsequentes Management.Mit dem steigenden Anteil der Freilandhaltung wächst die Bedeutung des Außenbereichs für die Wirtschaftlichkeit der Betriebe. Der Auslauf wird damit zu einem zentralen Bestandteil der Betriebsstrategie.