
Lahmheiten bei Geflügel erkennen und bewerten
Bewegungsstörungen gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen bei schnell wachsenden Geflügelrassen. Welche Ursachen dahinter stehen und wie sich Lahmheiten im Bestand systematisch erfassen lassen.
von DGS Redaktion Quelle University of Georgia, Modern Poultry erschienen am 11.03.2026Lahmheiten zählen zu den häufigsten Gesundheitsproblemen in der modernen Geflügelhaltung. Besonders betroffen sind schnell wachsende Linien von Masthühnern und Puten. Bei diesen Tieren entwickelt sich die Muskulatur oft schneller als das Skelett. Dadurch steigt das Risiko für Probleme im Bewegungsapparat. Darauf weist Stephanie Kulbacki von der University of Georgia in einem Beitrag für das Fachportal Modern Poultry hin. Neben genetischen Faktoren spielen auch Haltungsbedingungen eine Rolle. Feuchte oder stark verschmutzte Einstreu kann Probleme im Bewegungsapparat zusätzlich verschärfen. Um solche Störungen früh zu erkennen, setzen Praxis und Forschung verschiedene Verfahren zur Bewertung des Gangbildes ein.
Folgen von Lahmheiten
Lahmheiten verursachen häufig Schmerzen und schränken die Beweglichkeit ein. Betroffene Tiere bewegen sich weniger und zeigen weniger natürliche Verhaltensweisen. Gleichzeitig sinken Leistung und Vitalität, während die Ausstallungsrate steigen kann. Auch innerhalb der Herde entstehen Nachteile. Tiere mit eingeschränkter Beweglichkeit werden häufiger von Artgenossen bedrängt. Veränderungen am Skelett können außerdem die Produktqualität beeinträchtigen.
Häufige Ursachen für Gangstörungen
Die Ursachen für Lahmheiten sind vielfältig. In vielen Fällen wirken genetische Veranlagung und Umweltbedingungen zusammen. Zu den Entwicklungsstörungen gehört die sogenannte Valgus Varus Fehlstellung. Dabei weicht das Schienbein von seiner normalen Achse ab. Bei einer Varusstellung neigt sich der Knochen nach innen. Bei einer Valgusstellung weicht er nach außen ab. Beide Formen verändern die Stellung des Beins und können den Bewegungsablauf deutlich beeinträchtigen.
Ein weiteres häufig beschriebenes Problem ist die tibiale Dyschondroplasie. Dabei kommt es in der Wachstumsfuge langer Knochen zu einer unvollständigen Verknöcherung des Knorpels. Untersuchungen zeigen, dass Gangprobleme mit zunehmendem Alter häufiger auftreten. Bei Puten können bis zur 13. Lebenswoche deutliche Anzeichen sichtbar werden. Neben Entwicklungsstörungen spielen auch Infektionen eine Rolle. Avian Reoviren können Entzündungen an Sehnen und Gelenken auslösen. In Verbindung mit hohem Körpergewicht kann dies zu Sehnenrissen und schweren Lahmheiten führen.
Eine weitere Ursache ist die bakterielle Chondronekrose mit Osteomyelitis. Dabei entzündet sich das Knochengewebe infolge einer bakteriellen Infektion. Rasches Wachstum kann feine Risse im Knochen verursachen. Bakterien nutzen diese Stellen als Eintrittspforte und lösen Entzündungsprozesse aus.
Auch die Femurkopfnekrose tritt häufig auf. Sie entsteht, wenn sich im schnell wachsenden Oberschenkelknochen kleine Risse bilden und anschließend bakterielle Infektionen auftreten.
Zusätzlich können Hautveränderungen an den Fußballen das Bewegungsverhalten beeinflussen. Bei der sogenannten Fußballendermatitis entzündet sich die Haut an der Unterseite des Fußes. Typisch sind verdickte Hautbereiche, dunkle Läsionen oder Geschwüre. Schlechte Einstreuqualität und hohe Feuchtigkeit gelten als wichtige Risikofaktoren.
Gangbild systematisch bewerten
Um Lahmheiten zu erkennen, arbeiten Betriebe und Forschungseinrichtungen mit standardisierten Bewertungssystemen. Ein häufig verwendetes Verfahren ist die sogenannte Bristol Skala. Sie umfasst sechs Stufen von einem normalen Gang bis zur vollständigen Lahmheit. Bewertet wird unter anderem, wie gleichmäßig ein Tier läuft und ob es sein Körpergewicht sicher tragen kann. In vielen US Geflügelbetrieben wird außerdem eine vereinfachte dreistufige Skala eingesetzt. Dabei reicht die Bewertung von einem normalen Gang über erkennbare Einschränkungen bis zu deutlicher Lahmheit. Das System ist weniger detailliert, lässt sich im Stall jedoch einfacher anwenden.
Technische Verfahren zur Gangbewertung
Neben visuellen Bewertungen nutzen Forschungseinrichtungen zunehmend technische Messverfahren. Videoaufnahmen lassen sich mit Methoden der Computeranalyse auswerten. Die Systeme erkennen einzelne Tiere innerhalb großer Gruppen und registrieren Veränderungen im Bewegungsverhalten.
Auch drucksensitive Laufbahnen kommen in Versuchen zum Einsatz. Diese Systeme messen unter anderem Schrittzeit, Schrittlänge und die Belastung der einzelnen Gliedmaßen. Auffällige Unterschiede zwischen rechtem und linkem Bein können früh auf beginnende Lahmheiten hinweisen.
Ein weiterer Ansatz ist der sogenannte Latency to lie Test. Dabei wird gemessen, wie lange ein Tier stehen bleibt, bevor es sich setzt. Kurze Standzeiten können auf Schmerzen oder Probleme im Bewegungsapparat hindeuten.
Fazit
Gangstörungen bei Geflügel haben meist mehrere Ursachen. Genetik, Wachstumsgeschwindigkeit, Haltung und Infektionen wirken häufig zusammen. Für Betriebe ist deshalb wichtig, Veränderungen im Bewegungsverhalten früh zu erkennen. Subjektive Bewertungssysteme lassen sich im Stall leicht anwenden. Technische Messverfahren liefern genauere Daten, erfordern jedoch spezielle Geräte und zusätzlichen Aufwand.









