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Betriebsreportage

Erdreich – Kreislaufdenken in der Geflügelhaltung

In St. Johann-Ohnastetten auf der Schwäbischen Alb betreibt Familie Schnitzler einen Geflügelhof, der nahezu vollständig im eigenen System effizient und transparent arbeitet: von der Energieversorgung über die Futterherstellung bis zur hofeigenen Schlachtung. Der Betrieb „Erdreich“ zeigt, wie Kreislaufwirtschaft in der Praxis funktionieren kann.

von Vivien Kring erschienen am 25.11.2025
Zwischen Tausenden Hennen behalten Simon und Peter Schnitzler den Überblick. Auf dem Hof „Erdreich“ verbinden sie moderne Haltungssysteme mit handwerklicher Verantwortung. © Schnitzler
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Es ist früher Nachmittag, Ende Oktober. Die Sonne scheint noch stark genug, um die Hochfläche der Schwäbischen Alb in warmes Licht zu tauchen. Die Blätter der Bäume leuchten gelb und rot und auf den Streuobstwiesen liegen vereinzelt Äpfel und Birnen. Der Hof der Familie Schnitzler liegt am Rand von St. Johann-Ohnastetten, auf rund 700 m Höhe, dort, wo Ackerflächen, Weiden und kleine Gehölze ineinander übergehen, wenige Kilometer bis zur Albkante. Es ist ein idyllischer Ort.

Auf dem Weg zu den Grünflächen sind bereits leises Geschnatter und Flügelschlagen zu hören, dann sieht man die Gänse, die in größeren Gruppen auf den Wiesen grasen. Simon und Peter Schnitzler stehen am Zaun und beobachten die Tiere, bevor Simon zu erzählen beginnt.

Was den Betrieb „Erdreich“ ausmacht? Kurze Wege, klare Abläufe und Verantwortung bis zum Ende. Der Name Erdreich verweist auf die Verbindung von Boden, Landwirtschaft und regionaler Kreislaufwirtschaft. Kurz: Der Boden „Erde“ ist Ausgangspunkt und zugleich der Sinn für kontinuierliche Produktion „Reich“ in der Region.

Wie alles begann

Vor 22 Jahren war der Hof ein Nebenerwerbsbetrieb, heute arbeitet die Familie Schnitzler, Mutter Silvia dazugerechnet, im Vollerwerb. Ausgangspunkt war die Idee eines Schweinestalls, realisiert wurde jedoch eine Biogasanlage. Sie liefert inzwischen rund 1 MW Strom, der sowohl auf dem Hof genutzt als auch ins Netz eingespeist wird. Die Abwärme wird in verschiedenen Bereichen verwendet, unter anderem zur Beheizung der Aufzuchtcontainer für die Masthähnchen, in denen die Eintagsküken in den ersten zwei Wochen gehalten werden. Danach ziehen die Broiler in Außenklimaställe mit Stroh, Frischluft und Auslauf.

Simons beruflicher Weg ist eng mit dem Betrieb verbunden. Nach einer Ausbildung zum Landmaschinentechniker studierte er Agrarwissenschaften und entwickelte währenddessen die Idee, die Biogasanlage um ein zweites Standbein zu erweitern – die Geflügelhaltung.

Geflügelhaltung am Hof Erdreich

Aus den ersten 30 Legehennen und einigen wenigen Gänsen hat sich über die letzten zehn Jahre ein vielseitiger Geflügelbetrieb entwickelt. Heute gehören rund 4.600 Legehennen, etwa 400 Mastgänse, rund 400 Masthähnchen und etwa 100 Enten zum Bestand.

Die Gänsehaltung ist der sichtbarste Teil des Geflügelbereichs auf dem Hof Erdreich. Sie prägt vor allem die Sommer- und Herbstmonate, in denen die Tiere den größten Teil des Tages im Freien verbringen. Die Gänse kommen als rund zwei Wochen alte, vorgezogene Jungtiere im Mai oder Juni auf den Hof. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase ziehen sie in Offenstallhaltung mit ständigem Zugang zu Weideflächen. Das Haltungskonzept orientiert sich an den natürlichen Bedürfnissen der Tiere. Neben dem Weidegang spielt der Zugang zu Wasser eine zentrale Rolle: Auf der Fläche befinden sich Wasserstellen, an denen die Tiere trinken und regelmäßig ihre Nasenlöcher spülen können. Für Wassergeflügel ist das essenziell, um Atemwege und Gefieder sauber zu halten.

Gefüttert wird mit hofeigenem Getreide, ergänzt durch Grünfutter. Die Tiere nehmen große Mengen Gras auf, was sich positiv auf die Fleischqualität auswirkt. In den letzten Wochen vor der Schlachtung wird die Ration energiereicher gestaltet, um eine gleichmäßige Mastentwicklung zu erreichen. Am Abend vor dem Schlachttag werden die Gänse gefangen und ruhig in Transportkisten umgesetzt, um Stress zu vermeiden und die Tiere auszunüchtern. Geschlachtet wird auf dem Hof, was Transportzeiten und Belastung deutlich reduziert.

Vermarktet wird die Gans auf zwei Wegen: Rund die Hälfte geht an regionale Gastronomiebetriebe, die andere Hälfte an private Vorbesteller, vor allem zu Weihnachten und Martini. Der Betrieb arbeitet mit festen Lieferwochen und Vorbestellfristen, um Planung und Verarbeitung präzise abzustimmen.

Die Legehennenhaltung ist der größte Tierbereich auf dem Hof Erdreich. Etwa 4.600 Hennen werden in zwei getrennten Beständen gehalten. Weiß- und Braunleger der Linien LSL classic und LB braun. Diese Trennung ist notwendig, da sich beide Linien im Verhalten unterscheiden und sich nicht miteinander vertragen. Die Junghennen stammen von Lohmann Süd in Laupheim und kommen vorgezogen mit rund 18 Wochen auf den Hof, wo sie in das Haltungssystem Step 2 der Firma Big Dutchman eingestallt werden. Dieses System bietet mehrere Ebenen mit klar strukturierten Funktionsbereichen: Ruhe-, Fress- und Legezonen sind räumlich voneinander getrennt, sodass die Tiere ihre natürlichen Verhaltensmuster ausleben können. Der Innenbereich des Stalls ist hell, mit Tageslichteinfall über Seitenfenster und Firstöffnungen.

Die Herden haben Zugang zu Außenbereichen mit begrünter, strukturierter Auslauffläche, was die Bewegung fördert und den Tieren Deckung bietet. Bald sollen die Solarmodule einer Agri-PV-Anlage zusätzlichen Schutz vor dem Habicht bieten, der den Legehennen fast täglich einen wenig erfreulichen Besuch abstattet. Daher setzen die Schnitzlers auf zwei Nandus als Herdenschutztiere.

Als Herdenschutztiere agieren zwei Nandus.
Als Herdenschutztiere agieren zwei Nandus. © Kring

Die Masthähnchen kommen als Eintagsküken von einem regionalen Lieferanten. Die Aufzucht beginnt in beheizten Containern bei rund 32 °C, wobei die Wärme vollständig aus der hofeigenen Biogasanlage stammt. Nach zwei bis drei Wochen wechseln die Tiere in den Außenklimastall mit Stroh und Frischluftzufuhr. Die Mast dauert durchschnittlich zwölf Wochen, das Endgewicht liegt bei etwa 3,5 kg. Pro Jahr werden in der Regel vier Durchgänge durchgeführt.

Auch die Entenhaltung ist ein kleiner Teil des Kreislaufs. Rund 100 Tiere werden pro Saison gehalten, vor allem für Gastronomiebetriebe. Die Tiere wachsen auf Stroh mit Auslauf und werden ebenfalls im eigenen Schlachtraum verarbeitet.

Fütterung und Energieversorgung

Ein zentraler Bestandteil des Betriebskonzepts ist die weitgehende Unabhängigkeit bei Futter und Energie. Das Getreide für alle Geflügelarten stammt überwiegend vom eigenen Ackerbau. Angebaut werden Weizen und Körnermais, die nach der Ernte in einer computergesteuerten Mahl- und Mischanlage aufbereitet werden. Dort werden die Rohkomponenten gereinigt, zerkleinert und zu Futterrationen zusammengestellt, deren Zusammensetzung Simon Schnitzler selbst festlegt. So können die Nährstoffgehalte an Alter und Bedarf der Tiere angepasst werden. Nur Luzernepellets werden zugekauft, die vor allem den Rohfaseranteil im Futter erhöhen und die Dotterfarbe positiv beeinflussen. Eiweißkomponenten, Soja oder synthetische Zusätze werden nicht eingesetzt. Die vollständige Kontrolle über Herkunft und Zusammensetzung der Futtermittel ist für den Betrieb ein zentrales Prinzip: kurze Wege, planbare Qualität und keine Abhängigkeit von Futtermittelmärkten.

Die Energieerzeugung ist eng mit der landwirtschaftlichen Produktion verknüpft. Während die Biogasanlage den Grundbedarf an Wärme und Strom deckt, soll künftig eine Agri-Photovoltaikanlage ergänzend rund 1 MW Strom liefern. Sie wird mit dem bestehenden Trafo der Biogasanlage gekoppelt, sodass beide Systeme gemeinsam betrieben werden können. Ziel ist, den gesamten Hof inklusive Stalltechnik, Futteraufbereitung und Verarbeitung mit eigenem Strom zu versorgen und Überschüsse ins Netz einzuspeisen.

Damit entsteht ein durchgängiger Kreislauf aus Futteranbau, Tierhaltung, Energiegewinnung und Düngung. Gärreste und Gülle aus der Biogasanlage dienen als Dünger für die eigenen Flächen, auf denen wiederum das Futter wächst. Energie und Nährstoffe bleiben so weitgehend im Betrieb – ein geschlossenes System, das Planungssicherheit und Transparenz schafft.

Der hofeigene Weizen und Körnermais werden in einer Mahl- und Mischanlage aufbereitet.
Der hofeigene Weizen und Körnermais werden in einer Mahl- und Mischanlage aufbereitet. © Kring
Nur Luzernepellets werden zugekauft, die vor allem den Rohfaseranteil im Futter erhöhen und die Dotterfarbe positiv beeinflussen.
Nur Luzernepellets werden zugekauft, die vor allem den Rohfaseranteil im Futter erhöhen und die Dotterfarbe positiv beeinflussen. © Kring

Hofeigene Schlachtung

Am Rand des Hofes befindet sich die hofeigene Geflügelschlachtung – ein kompakter, aber professionell ausgestatteter Bereich, der in einen sogenannten Schwarz- und einen Weißraum unterteilt ist. Diese klare räumliche Trennung ist Grundvoraussetzung für die hygienische Verarbeitung von Lebensmitteln.

Im Schwarzraum erfolgen alle Arbeiten, die mit Verschmutzung verbunden sind: Anlieferung, Betäubung, Ausbluten, Brühen und Rupfen. Hier wird ausschließlich mit Arbeitskleidung und Gummistiefeln gearbeitet, die nach jedem Schlachttag gereinigt und desinfiziert werden. Für die elektrische Betäubung nutzt der Betrieb ein Gerät, das den individuellen Widerstand am Kopf misst und die Stromstärke automatisch anpasst. So wird eine sichere und tierschutzgerechte Betäubung gewährleistet. Nach der Betäubung werden die Tiere kopfüber in Trichter gehängt, um vollständig ausbluten zu können. Anschließend erfolgt das Brühen in heißem Wasser, um die Federn zu lösen. Für Wassergeflügel wurde eine spezielle Walzenrupfmaschine angeschafft, deren Gummiwalzen die Federn greifen, ohne die Haut zu beschädigen. Danach werden die Tiere in die Kühlung überführt.

Vom Schwarzraum führt ein separater, verschließbarer Durchgang in den Weißraum. Dort finden alle hygienisch sensiblen Schritte statt: Ausnehmen, Zerlegen, Verpacken und Etikettieren. Der Weißraum ist gefliest, klimatisiert und nach leicht zu reinigendem Prinzip aufgebaut. Geräte, Messer und Arbeitsflächen werden nach jedem Arbeitsgang desinfiziert. Jede Partie ist durch Chargennummern rückverfolgbar.

Geschlachtet wird saisonal und planbar: In der Hauptsaison von November bis Dezember wöchentlich, außerhalb dieser Zeit etwa ein Mal im Monat. Am Vortag werden die Tiere verladen und ruhiggestellt, um eine stressfreie Schlachtung zu gewährleisten. Der Hof arbeitet nach einem festen Hygieneplan mit geregelten Reinigungs- und Desinfektionsintervallen. Temperatur- und Chargenkontrollen werden dokumentiert und regelmäßig überprüft.

Diese Arbeitsweise erlaubt es, alle Schritte – vom Tier bis zum verpackten Produkt – im eigenen Betrieb durchzuführen. Für Simon Schnitzler ist die Schlachtung kein Prestigeprojekt, sondern die logische Fortsetzung seines Kreislaufgedankens: kurze Wege, volle Kontrolle und größtmögliche Transparenz.

In Deutschland gelten für die Schlachtung von Geflügel am Herkunftsbetrieb spezielle rechtliche Regelungen: Gemäß der Verordnung (EG) Nr. 853/2004 in Verbindung mit der Tierischen Lebensmittel-Hygieneverordnung dürfen Geflügel und Kaninchen unter bestimmten Bedingungen auch ohne EU-Zulassung am Hof geschlachtet werden – beispielsweise, wenn jährlich nicht mehr als 10.000 Tiere geschlachtet werden und ausschließlich vom eigenen Bestand stammen.

Die alten Legehennen bringt Simon Schnitzler selbst zu einem Lohnschlachter nach Bayern. Ihm ist wichtig, zu wissen, wer die Verarbeitung übernimmt und unter welchen Bedingungen gearbeitet wird. Rund ein Drittel der Tiere wird als Suppenhuhn verkauft, der übrige Teil wird zu Convenience- und Fleischprodukten verarbeitet. Dazu gehören Frischwürste, die nach seinen eigenen Vorgaben und ohne Konservierungsstoffe hergestellt werden. Der Metzgerbetrieb, mit dem der Hof seit Jahren zusammenarbeitet, produziert ausschließlich nach den abgestimmten Rezepturen des Erdreich-Hofs.

Verarbeitung und Vermarktung

In der hofeigenen Packstelle werden täglich zwischen 3.500 und 4.000 Eier sortiert. Fünf Mitarbeitende, ein fest angestellter Mitarbeiter und die Familie übernehmen die Arbeit. Die Vermarktung erfolgt über mehrere Kanäle: an den regionalen Einzelhandel, die Gastronomie und über den Ab-Hof-Verkauf. Eier der Klasse B, also Brucheier und Knickeier, werden nicht entsorgt, sondern in der eigenen Nudelproduktion weiterverarbeitet. Das hierfür verwendete Dinkel- und Emmermehl stammt ebenfalls aus eigenem Anbau. Auf diese Weise entstehen Teigwaren, die inzwischen fester Bestandteil des Sortiments im Hofladen sind.

Der Direktverkauf erfolgt über das „Eierhäusle“, einen kleinen Hofladen mit Sortimentserweiterung. Neben Eiern und Nudeln werden dort auch Tiefkühlgeflügel und saisonal Gänse angeboten. Rund die Hälfte des Umsatzes entsteht durch Direktvermarktung, die andere Hälfte durch Lieferungen an regionale Gastronomiebetriebe.

Kreisläufe und Perspektiven

Das Betriebsprinzip beruht auf geschlossenen Stoffkreisläufen. Die Biogasanlage liefert Wärme für die Aufzucht und Energie für Stalltechnik und Verarbeitung. Gärreste und Gülle dienen als Dünger auf den Feldern, auf denen wiederum das Futtergetreide wächst. So bleibt der Nährstoffkreislauf weitgehend im Betrieb.

„Unser Ziel ist ein möglichst autarkes System“, sagt Schnitzler. „Energie, Futter und Vermarktung sollen ineinandergreifen.“ Mit dem geplanten Mobilstall für 500 Masthähnchen inklusive Wintergarten will der Betrieb künftig flexibler auf Witterung und Tierwohl reagieren können.

Die Kombination aus Energieerzeugung, Geflügelhaltung, Verarbeitung und Vermarktung bildet das Profil von Erdreich. Kurze Wege, planbare Prozesse und nachvollziehbare Strukturen sind die Grundlage. Der Betrieb versteht sich als Beispiel dafür, wie Kreislaufwirtschaft praktisch umgesetzt werden kann – mit einem hohen Maß an Eigenleistung und Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Autor:in
Vivien Kring
DGS Redaktion
Betriebsspiegel
  • St. Johann-Ohnastetten, Schwäbische Alb
  • 400 Gänse, 400 Masthähnchen, 4.600 Legehennen, 100 Enten
  • eigene Schlachtung
  • eigener Futteranbau (Körnermais, Weizen)
  • Biogasanlage, Agri-PV-Anlage (1 MW)
  • Familienbetrieb