
Strom ernten und Hennen halten
Photovoltaik verändert die Freilandhaltung, dennoch zögern viele Betriebe. Es gibt Gründe.
von Vivien Kring erschienen am 30.04.2026Photovoltaikmodule im Hühnerauslauf wirken auf den ersten Blick wie der Schritt in Richtung Zukunft. Es steht Fläche zur Verfügung, auf der sich Strom erzeugen lässt und die Tierhaltung bleibt bestehen. In der Praxis wägen Betriebe aber eher ab, rechnen nach und stoßen dabei schnell an Grenzen, die weniger mit der Technik als mit Rahmenbedingungen zu tun haben.
Beim 4. Hessischen Geflügelkolloquium wurde dieses Spannungsfeld anhand einer Masterarbeit von Lisa Nachbar von der Georg August Universität Göttingen sowie ergänzender Praxisbeobachtungen aufgezeigt. Grundlage bildeten Interviews mit neun Praxisakteuren aus Hessen und Niedersachsen sowie die Auswertung vorhandener Literatur. Die Ergebnisse zeigen ein System mit Potenzial, aber auch mit klar benennbaren Hemmnissen.
Ausgangspunkt ist die Doppelnutzung
Den Ausgangspunkt bildet die Idee der Doppelnutzung. Agri Photovoltaik bedeutet, dass eine Fläche gleichzeitig landwirtschaftlich genutzt und zur Stromerzeugung eingesetzt wird. Diese Definition geht auf Arbeiten von Weselek und Kollegen aus dem Jahr 2019 zurück. Die Autoren zeigen, dass sich durch diese Kombination die Flächenleistung insgesamt erhöhen kann, wenn beide Nutzungen aufeinander abgestimmt sind. Entscheidend ist dabei nicht allein der Stromertrag, sondern das Zusammenspiel mit dem landwirtschaftlichen System. Weselek et al. beschreiben in ihren Versuchen am Bodensee, dass unter PV-Modulen weniger Strahlung ankommt, gleichzeitig aber Bodenfeuchte und Temperatur stabiler bleiben. Das kann in trockenen Jahren sogar Vorteile bringen, gleichzeitig verändert es aber immer die Ausgangssituation der landwirtschaftlichen Nutzung.
Technik entscheidet darüber, ob Hennen den Auslauf nutzen
Überträgt man diesen Ansatz auf die Legehennenhaltung, ist es entscheidend, wie man den Auslauf gestaltet und ob Hennen die Fläche tatsächlich nutzen. Module bieten Schatten, Schutz vor Niederschlag und Deckung gegenüber Greifvögeln. Ein interviewter Landwirt erzählt, dass Agri Photovoltaik das Tierwohl verbessert, weil die Tiere mehr geschützte Bereiche im Auslauf finden. Gleichzeitig führt die Strukturierung dazu, dass sich die Tiere gleichmäßiger verteilen. Das reduziert Nährstoffeinträge auf einzelnen Teilflächen und entlastet den Boden.
Diese Zusammenhänge sind aus der Literatur bekannt, da strukturierte Ausläufe eher dazu führen, dass Hennen die Fläche intensiver nutzen – was sich auf Tiergesundheit und Bodenzustand auswirkt. Photovoltaikanlagen übernehmen damit eine ähnliche Funktion wie Gehölze, liefern zusätzlich aber Strom.
Der Blick in die Praxis fällt jedoch weniger eindeutig aus. Sarah Kimmich von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen begleitet zwei Pilotbetriebe mit Agri-PV-Anlagen im Auslauf. Ihre bisherigen Beobachtungen weichen von den Erwartungen ab. „Beide Betriebe haben weiterhin Probleme mit Beutegreifern, sowohl aus der Luft als auch vom Boden“, schreibt sie auf Nachfrage. Auch die Nährstoffverteilung hat sich bislang kaum verändert. Die Einträge bleiben vor allem in Stallnähe hoch, was daran liegt, dass die Hennen den Auslauf trotz vorhandener Struktur meiden und sich eben nicht gleichmäßiger über die Fläche verteilen. Kimmich sieht einen möglichen Grund im anhaltenden Prädationsdruck. Das Auslaufverhalten habe sich in den untersuchten Betrieben bislang kaum verändert.
Die Ergebnisse ordnet sie selbst ein. Die Beobachtungen stammen aus einem laufenden Projekt mit begrenztem Zeitraum. Belastbare Aussagen über langfristige Effekte lassen sich daraus noch nicht ableiten. Sie zeigen aber gleichzeitig, dass Struktur allein nicht ausreicht, um das Verhalten der Tiere zu steuern.
Damit wird deutlich, dass die Anlagen nicht automatisch den gewünschten Effekt bringen. Entscheidend ist vor allem, wie stark Beutegreifer Druck ausüben und ob die Tiere den Auslauf überhaupt annehmen.
Neben diesen offenen Fragen bleibt auch die technische Umsetzung ein Unsicherheitsfaktor. Die untersuchten Systeme unterscheiden sich vor allem in ihrer Bauweise. Bodennah installierte Anlagen gelten als einfacher und kostengünstiger und eignen sich aus Sicht der Literatur besser für die Tierhaltung. Hochaufgeständerte Systeme bieten mehr Raum für landwirtschaftliche Nutzung unter den Modulen, sind aber technisch aufwendiger. In der Praxis fehlt jedoch die Erfahrung, um diese Systeme sicher zu bewerten. „Es gibt kaum Praxiserfahrung mit der Kombination Agri-PV und Geflügelhaltung“, so Nachbar. Daraus entstehen Unsicherheiten bei Fragen nach Haltbarkeit der Module, Wartungsaufwand und tatsächlichen Rückbaukosten.

Wirtschaftlichkeit steht und fällt mit dem Eigenverbrauch
Neben diesen technischen Aspekten treten konkrete Risiken auf, die in der Planung berücksichtigt werden müssen. Ungesicherte Kabel können zu Stromschlägen führen. Tiere können Bauteile beschädigen. Diese Punkte sind lösbar, erfordern aber eine saubere Umsetzung im Detail. Genau hier zeigt sich, dass die Kombination von Tierhaltung und Energieerzeugung nicht einfach zwei Systeme nebeneinanderstellt, sondern ein integriertes Konzept verlangt.
Die wirtschaftliche Bewertung fällt ebenso differenziert aus. Die Literatur verweist auf das Erneuerbare Energien Gesetz als zentrale Grundlage für die Förderung. Gleichzeitig wird der Eigenverbrauch als entscheidender Faktor genannt. Strom, der direkt im Betrieb genutzt wird, erhöht den wirtschaftlichen Nutzen deutlich. Auch die Doppelnutzung wird positiv bewertet, da sie die Gesamteffizienz der Fläche steigert, selbst wenn die Einzelerträge leicht sinken.
In der Praxis fehlen jedoch oft konkrete Informationen. Die Befragten berichten von Unsicherheiten bei der Finanzierung und den Fördermöglichkeiten. Gleichzeitig sehen sie im Eigenverbrauch den größten Vorteil. Es werden zwar Zusatzeinnahmen durch den Stromverkauf erwartet, diese spielen aber eine geringere Rolle als die Einsparung von Energiekosten im eigenen Betrieb. Hohe Investitionskosten bremsen viele Betriebe aus. Gleichzeitig fehlen klare Regeln für Vergütung und Netzmanagement. Kommt es bei Überproduktion zu Abschaltungen, lässt sich das wirtschaftliche Risiko kaum verlässlich abschätzen.
Das größte Problem steht nicht im Stall, sondern im Bauamt
Die größten Probleme entstehen im rechtlichen Bereich. Das Baugesetzbuch erlaubt zwar unter bestimmten Voraussetzungen das Bauen im Außenbereich, und die Flächen bleiben landwirtschaftlich nutzbar. In der Praxis setzen Behörden diese Vorgaben jedoch unterschiedlich um. Verfahren ziehen sich in die Länge, Anforderungen ändern sich je nach Zuständigkeit, und vielen Ansprechpartnern fehlt Erfahrung mit diesen Anlagen. Nachbar zeigt deutlich, dass genau diese Unsicherheit Betriebe ausbremst. Ein Teilnehmer bringt es auf den Punkt und nennt vor allem Bau- und Naturschutzrecht als zentrale Hürden.
Dass viele Betriebe an dieser Stelle zögern, hat auch wirtschaftliche Gründe. Nicht die eigentliche Genehmigung treibt die Kosten, sondern der Aufwand im Vorfeld. Für Anlagen im Außenbereich fordern Behörden häufig zusätzliche Gutachten und Planungen, etwa im Bereich Naturschutz oder Landschaftsbild. Der Leitfaden des Technologie- und Förderzentrums Bayern beschreibt, dass Agri-PV-Vorhaben mehrere fachliche Prüfungen durchlaufen und verschiedene Behörden einbezogen werden müssen. Dadurch steigen sowohl der Planungsaufwand als auch die Kosten bereits vor der eigentlichen Entscheidung. Gleichzeitig verlängern sich die Verfahren, weil Anforderungen je nach Standort unterschiedlich ausgelegt werden. Für die Betriebe bleibt damit oft unklar, welche Investition am Ende tatsächlich notwendig ist.
Die gesellschaftliche Akzeptanz ist groß. Die Kombination aus Tierhaltung und Stromerzeugung wird überwiegend positiv bewertet, denn man verbindet damit nachhaltiges Wirtschaften, regionale Energie und bessere Haltungsbedingungen. Wichtig bleibt jedoch, wie Betriebe darüber sprechen. Die Studie zeigt, dass sie Verbraucher und Anwohner gezielt informieren und ihnen Einblicke in den Betrieb geben müssen. Hier liegt auch eine Chance für die Vermarktung, wenn Betriebe ihre Produkte sichtbar mit einer klimafreundlichen Erzeugung verknüpfen. Der Begriff „klimafreundliche Eier“ taucht hier nicht zufällig auf. Er zeigt, dass Agri-PV auch ein Vermarktungsthema werden kann.
Das System funktioniert, aber noch nicht der Rahmen
Nicht die Idee ist das Problem. Sondern die Umsetzung. Agri Photovoltaik in der Legehennenhaltung kann Betriebe breiter aufstellen, zusätzliche Einnahmequellen erschließen und gleichzeitig die Nutzung des Auslaufs verbessern. Die technischen Grundlagen sind vorhanden, die Effekte auf Tierverhalten und Flächennutzung sind nachvollziehbar und teilweise bereits belegt. Gleichzeitig fehlt es an praktischer Erfahrung, an klaren rechtlichen Vorgaben und an verlässlichen wirtschaftlichen Kalkulationsgrundlagen.
Die Arbeit von Nachbar zeigt, dass sich Agri Photovoltaik derzeit in einer Übergangsphase befindet. Forschung und erste Praxisversuche zeigen, was möglich ist. Für eine breite Umsetzung fehlen jedoch standardisierte Lösungen und verlässliche Rahmenbedingungen. Genau hier entscheidet sich, ob die Technik in den kommenden Jahren in der Fläche ankommt oder auf einzelne Pilotprojekte beschränkt bleibt.
Solange diese Punkte offen sind, bleibt Agri-PV für viele Betriebe eine Option, aber noch keine Entscheidung.
- Agri-PV wird als grundsätzlich zukunftsfähig eingeschätzt
- Viele Betriebe zeigen Interesse, setzen Projekte aber wegen Unsicherheiten nicht um
- Es fehlt an praktischen Erfahrungen mit der Kombination aus PV-Anlagen und Tierhaltung
- Genehmigungsverfahren gelten als langwierig und schwer kalkulierbar
- Eigenverbrauch des Stroms wird als entscheidender wirtschaftlicher Vorteil gesehen
- Hohe Investitionskosten und unklare Vergütungsregelungen bremsen Investitionen
- Technische Fragen zu Haltbarkeit, Wartung und Rückbau sind oft ungeklärt
- Die Kombination mit Tierhaltung wird positiv bewertet, auch im Hinblick auf Akzeptanz
Agri-Photovoltaik ermöglicht die gleichzeitige Nutzung von Flächen für Stromerzeugung und Legehennenhaltung, wobei Arbeiten von Weselek et al. (2019) zeigen, dass sich dadurch die Flächenleistung erhöhen kann, wenn beide Systeme aufeinander abgestimmt sind. Die ausgewertete Masterarbeit von Lisa Nachbar (Universität Göttingen) und Interviews mit Praxisbetrieben beschreiben Vorteile durch strukturierte Ausläufe, etwa mehr Schutz für Tiere und eine potenziell gleichmäßigere Flächennutzung. Gleichzeitig zeigen aktuelle Praxisbeobachtungen aus Pilotbetrieben, dass sich diese Effekte nicht automatisch einstellen, da Hennen den Auslauf trotz Struktur teils weiterhin meiden und Probleme mit Beutegreifern bestehen bleiben. Technisch fehlen vielerorts belastbare Erfahrungen zur Umsetzung, etwa bei Bauweise, Haltbarkeit und Wartung der Anlagen. Wirtschaftlich hängt die Attraktivität stark vom Eigenverbrauch des erzeugten Stroms ab, während hohe Investitionen und unsichere Vergütungsregelungen Betriebe zurückhalten. Als größtes Hindernis erweisen sich uneinheitliche Genehmigungsverfahren und rechtliche Unsicherheiten, sodass sich Agri-PV derzeit als vielversprechender Ansatz mit offenem Ausgang für die Praxis darstellt.














