
Das Ziel ist die Imfpung!
Bei einem aktuellen AI-Symposium in Essen ging es darum, welche Hausaufgaben noch zu machen sind, um Geflügelbestände mit einer präventiven Impfung gegen Vogelgrippe zu schützen. Die rückt von politischer Seite in immer greifbarere Nähe.
von Luise Richard erschienen am 02.03.2026Es waren bedrückende Bilder, die Geflügelfachtierarzt Dr. Kristian Düngelhoef aus Hamminkeln mitgebracht hatte: Tiere, die aus dem Schnabel bluten, ein Stall voll verendeter oder verendender Puten, Tiere, die sich nicht mehr von der Stelle bewegen und den Stall in eine ‚kathedrale’ Stille versenken, tote Wildvögel auf den Wiesen am Niederrhein. Seit dem Ausbruch Ende September 2025 bis Mitte Februar 2026 sind allein in NRW, und hier vor allem an Niederrhein und in Ostwestfalen, rund 50 Ausbrüche in geflügelhaltenden Betrieben, v.a. in Putenhaltungen, bekannt. Sie sind verbunden mit viel Tierleid und mit einer hohen mentalen Belastung auch für Seuchentrupps, Landwirte und Tierärzte.
Das Landesamt für Verbraucherschutz und Ernährung (LAVE) Nordrhein-Westfalen hatte daher in der vergangenen Woche gemeinsam mit dem Bundesverband der beamteten Tierärzte (BbT) Verbände und Behörden zum Symposium Geflügelpest geladen, um über Potenziale und Herausforderungen von präventiven Impfungen sowie möglichen Strategien zur Seuchenbekämpfung zu diskutieren.
Impfung: Rechtsrahmen fehlt derzeit noch
Dr. Andrea Ligner (BMLEH) stellte dar, dass eine präventive Impfung grundsätzlich möglich ist, aber die Rechtsgrundlage für die Einführung in Deutschland noch geschaffen werden muss. „Da betreten wir Neuland“, sagte sie, denn es werde vermutlich keine Pflichtimpfung werden, auch wenn einige Fachleute die für richtig halten. Nach EU-Recht ist die Impfung detailliert geregelt, die Umsetzung in nationales Recht müssen die Staaten jeweils selbst regeln, in Deutschland auch mit Beteiligung des Bundesrates.
Ligner sagte, es sei erklärtes Ziel der BMLEH-Hausleitung, die präventive Impfung gegen Vogelgrippe in Deutschland zu ermöglichen. Daran werde jetzt mit Nachdruck gearbeitet. Noch ist aber vieles nicht geklärt, beispielsweise Fragen zum Monitoring eines geimpften Bestandes, zu möglichen Handelshemmnissen im Export, zur Verfügbarkeit geeigneter Impfstoffe und welche Impfstoffe für welche Tierart zugelassen werden. Ligner betonte zugleich, eine Impfung könne die Maßnahmen der Seuchenprävention und -bekämpfung sinnvoll ergänzen, aber nicht ersetzen.
Virus ist nicht zu stoppen
„Das Virus ist nicht zu stoppen“, sagte auch Prof. Dr. Timm Harder, Laborleiter Virusdiagnostik Friedrich-Loeffler-Institut (FLI). Seit 2006 sei das HPAI-Geschehen explodiert und das Virus in den Wildvogelpopulationen endemisch geworden. Insbesondere bestimmte Haltungsformen – Freilandhaltungen, Louisiana-Ställe – seien prädestinierte Einfallstore für den Viruseintrag. Gleichzeitig gebe es eine hohe Virusvariabilität, die für die Auswahl bestimmter Impfstoffe eine große Rolle spielen werde.
Ein hundertprozentiger Schutz sei durch die Impfung nicht zu erwarten. Jedoch könne sich die Impfung bei strikt kontrolliertem Einsatz als sinnvolle, zusätzliche Säule der Präventivmaßnahmen erweisen. Bisherige Laborstudien (Impfversuch Gänse) hätten gezeigt, dass sich geeignete Vakzine finden lassen und dass der Impferfolg mit verfügbaren serologischen Tests nachzuweisen ist. Bei Impfung ist dann ein vollständiger klinischer Schutz zu erwarten, jedoch bleiben Impflinge auch nach einem Boost für das Virus empfänglich und können es ausscheiden. Hier kommt es auf ein verlässliches Monitoring an. Folgen soll jetzt ein Feldversuch an Gänsen, in Zusammenarbeit mit der TiHo Hannover und der Tierseuchenkasse Niedersachsen.
Impfung schützt, verhindert Infektion aber nicht
Dass zugelassene Impfstoffe zur Verfügung stehen, welche Anforderungen sie zu erfüllen haben und wie zuverlässig sie wirken, schilderte Björn Oberländer (MSD Tiergesundheit). Europaweit wird an der AI-Impfung gearbeitet, in Deutschland bei Gänsen, in den Niederlanden an Legehennen, in Frankreich bei Enten, und in Italien sollen ab Sommer Puten geimpft werden. Oberländer wies darauf hin, dass es keine sterile Immunität gibt, sondern dass sich auch geimpfte Tiere mit Feldstämmen infizieren können. Zudem wies er auf die Gefahr von unerkannten Infektionen hin, die zu sog. ‚Escape-Mutanten‘ führen können. Auch sei die Art der Applikation noch weiter zu erforschen.
Dass kein Impfstoff perfekt ist und immer wieder Fälle ‚übersehen‘ werden, berichtete Prof. Dr. J.J. (Sjaak) de Witt, Royal GD Animal Health NL. In den Versuche in den Niederlanden mit Legehennen sind verschiedene Impfstoffe, drei verschiedene Impfmodi, die Mortalität im Vergleich zur Kontrollgruppe (0-20% versus 100%) sowie die Viruslast geprüft worden. Die Versuchsergebnisse sind jedoch noch nicht veröffentlicht. De Witt zufolge bleiben noch etliche Fragen zu klären: Wird die EU-Regelung künftig praktikabler gestaltet? Wie verhalten sich unterschiedliche Altersstufen einer Herde? Wer geht in Europa voran mit der Impfung? Wie wird künftig verfahren mit Herden, die geimpft sind, aber trotzdem infiziert werden? Eine komplette Keulung hält er dabei für nicht gerechtfertigt, hier müsste man Einzelfallentscheidungen treffen. Auch die wirtschaftliche Betrachtung (Kosten-Nutzen-Abwägung, Handelsfähigkeit von Produkten) sowie das Image der Geflügelhaltung spielen eine wichtige Rolle bei solchen Entscheidungen. Er riet, alle Weichen für die Impfung zu stellen, damit man im Fall der Fälle darauf zurückgreifen kann.
Paradigmenwechsel: Biosicherheit plus Impfung
Fachtierarzt Dr. Kristian Düngelhoef schilderte aus erster Hand, dass alle bisherigen Präventiv-und Biosicherheitsmaßnahmen am Niederrhein – einer Region mit hoher Putendichte und Wildvogelzug – nicht verhindern konnten, dass die AI mit einem Peak im November massiv ausgebrochen ist. Es gebe jetzt einen Paradigmenwechsel, von Biosicherheit und Eradikation hin zu Biosicherheit plus Impfung (und Keulung bei Sekundärinfektionen).
„Mit Biosicherheit und Keulung stoßen wir an Grenzen. Das Virus ist einfach ubiquitär und kann auch aerogen übertragen werden“, sagte er. Die Offenstallhaltung bei Puten sei gesellschaftlich gewollt, aber ein erheblicher Risikofaktor. „Biosicherheit beginnt mit der Stallpflicht“, so Düngelhoef. Beispielsweise sei in den Niederlanden sofort nach Ausbruch der Seuche eine landesweite Stallpflicht verhängt worden, um Schlimmeres zu verhindern.
Die Impfung könne schnell umgesetzt werden, so Düngelhoef. Vier Impfstoffe sind in der EU bereits zugelassen, ein weiterer RNA-Impfstoff wird in Frankreich bereits eingesetzt, die Zulassung für die EU wird erwartet. Die Vakzine enthalten kein lebendes Influenzavirus. Das Monitoring von geimpften und erkrankten Tieren mittels DIVA-Methode (Differentiating Infected from Vaccinated Animals) ist möglich. Hier könnte und sollte es tier- und kostenschonende, angepasste und betriebsindividuelle Monitoring-Methoden geben, die ein geringes Verschleppungsrisiko bergen und teilweise von (geschulten) Landwirten selbst durchgeführt werden können, beispielsweise Tränkwasser- und Sockenproben.
Für die Impfung sprechen viele Argumente: In der Öffentlichkeit werden Keulungen zunehmend kritisch gesehen. Die Biosicherheit kann selbst mit Vergrämen von Wildvögeln, Abschottung, Filtern und Desinfektionsmaßnahmen nicht ausreichend gewährleistet werden. Die Versorgungssicherheit mit Geflügel aus heimischer Erzeugung ist im Seuchenfall nicht mehr sicherzustellen. Hinzu kommen die finanzielle Belastung von Betrieben, Versicherungen und Tierseuchenkasse, die Handelsrisiken und nicht zuletzt die öffentliche Gesundheit, die durch ein mögliches Überspringen des Virus bedroht sein kann.
Gegenargumente sind u.a., dass sich die Geflügelwirtschaft je nach Tierart nicht einig ist, es nicht klar ist, ob es auch eine Exitstrategie aus einer Impfung gibt, wie gut die Impfung wirklich dauerhaft schützt und dass die Solidarität unter den Landwirten nicht unbegrenzt ist; denn in weniger betroffenen Regionen wird eine Impfung eher kritisch gesehen. Auch die Kosten für Impfung und Monitoring sind längst nicht geklärt.
Es bleibt also viel zu tun, bis die Impfung Realität wird. Die Landwirte erwarten von der Politik aber, jetzt zu handeln und die Weichen zu stellen.










