
Masthühnerküken aus eigener Hand
Schlupf im Stall könnte auch eine Option für Geflügelhalter sein, die in einer AI-Restriktionszone liegen und keine Küken, wohl aber Bruteier bekommen dürfen. Auf einer Tagung des Netzwerks Fokus Tierwohl erläuterte Dr. Birgit Spindler, was bei diesem Verfahren zu beachten ist.
von Susanne Gnauk, Redaktion DGS Quelle Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover erschienen am 06.02.2026Für den Schlupf im Stall ist eine spezielle Sachkunde nötig: für die Stallvorbereitung, den Umgang mit den Bruteiern und den Eischalen, den Umgang mit den „Steckenbleibern" und den Umgang mit den lebensschwachen Küken. Der Tierhalter wird quasi fast zum Brütereiexperten. Die Behörden sind unbedingt einzubinden.
Ein MuD-Projekt zeigt, dass der Schlupf im Stall unter Praxisbedingungen auf Betrieben mit und ohne Vorerfahrung, mit schnell und langsam wachsenden Genetiken sowie mit unterschiedlichen Schlupfverfahren keine nachteiligen Auswirkungen auf die Schlupfrate, die Gesamtverluste und die die Fußballengesundheit hat. Tendenziell gibt es aber höhere durchschnittliche Mastendgewichte mit dem Schlup im Stall. Der Einsatz antimikrobieller Substanzen wurde nicht reduziert. Der Mehraufwand wurde nur bei einigen Betrieben gedeckt.
In der Brüterei werden die Bruteier von Hühnerküken am 18. Bruttag vom Schlupf- in den Vorbrüter eingelegt. Die Küken schlüpfen ab dem 20. Bruttag innerhalb von 12 bis 24 Stunden. Die Gesundheitskontrolle und Selektion nicht lebensfähiger Küken und Sprayimpfung gegen Infektiöse Bronchitis findet am Fließband statt. Der anschließende Transport erfolgt in der Regel ohne Futter und Wasser. Die Küken müssen spätestens 60 Stunden nach dem Schlupf den Empfänger erreichen. In dieser Zeit versorgen sich die Tiere über den Dottersack mit Nährstoffen.
Dieses Hintergrundwissen benötigen Hähnchenmäster, die einen Schlupf im Stall in Erwägung ziehen. Hier werden die Bruteier am 18. Bruttag in den Stall eingelegt. Acht Hähnchenmastbetriebe konnten Erfahrungen mit dem Stallschlupf innerhalb eines MuD-Projektes (MuD = Modell- und Demonstrationsvorhaben Tierschutz) sammeln. Erfahrungen aus dem Projekt und Ergebnisse präsentierte Dr. Birgit Spindler von der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover am 21. Januar auf einer Tagung des LVZ Futterkamp (siehe Kasten unten).
Ziel: Besserer Start für die Küken
Der Schlupf im Stall ermöglicht den Küken einen frühen Zugang zu Futter und Wasser und könnte das kritische Zeitfenster rund um den Schlupf optimieren. Der Wegfall vom Handling in der Brüterei und vom Transport soll den Stress für die Tiere reduzieren. Insgesamt verspricht man sich einen besseren Start der Küken sowie ein geringeres Risiko für Dottersackinfektionen.
Im Fall der Aviären Influenza ist Schlupf im Stall eine Option, wenn die Lage von Masthühnerbetrieben in der Überwachungszone keine Lieferung von Eintagsküken, wohl aber von Bruteiern ermöglicht (auf Antrag gem. Art. 30, 46 oder 47 der Verordnung (EU) 2020/687).
Verschiedene Schlupfformen
Die Tierärztin stellte die verschiedenen aktuell möglichen Schlupfformen vor. Beim Horden-System mit Horden aus Pappe oder Plastik werden die Bruteier manuell im Stall verteilt. Dieses System ist vergleichsweise günstig, flexibel einsetzbar, individuell anpassbar und könnte im AI-Fall bei Bestehen einer Restriktionszone genutzt werden. Der personelle und zeitliche Aufwand ist aber relativ hoch.
Beim X-Track-System liegen die Eier in Horden auf einem Laufband, das automatisch in den Stall fährt. Pro Horde werden etwa 150 Eier eingesetzt. Die Küken schlüpfen auf dem Band und trocknen dort zunächst ab. Das System ist teuer in der Anschaffung, dafür aber personal- und arbeitsfreundlich. Ein System kostet rund 20.000 Euro, in der Regel sind in einem Stall mit bis zu 40.000 Stallplätzen zwei Linien in einem Stall installiert.
Beim NestBorn-System wird der Stall vorab mit einem sogenannten „Eierbett“ aus Spänen vorbereitet, in das die Eier mit einer fahrbaren Maschine eingelegt werden. Nachteil: Die Ei- und Kükenkontrolle wird durch die lose Lage der Eier im Spänebett erschwert.

Besonderheiten beim Schlupf im Stall
Durch das Einlegen der Eier am 18. Bruttag und den Schlupf bis zum 21. Bruttag verkürzt sich die Serviceperiode um drei Tage. Spindler empfiehlt, eine Serviceperiode von zehn Tagen einzukalkulieren. Bei einer um drei Tage verkürzten Serviceperiode könnte der Desinfektionsprozess leiden, weil der Stall eventuell nicht ausreichend abtrocknet.
Zusätzlich sind neben dem höheren Arbeitsaufwand (Überwachung Schlupfprozess und Kükengesundheit, verschärfte Kontrolle des Stallklimas, Beseitigung der Eischalen bzw. Eierhorden und der Eier, aus denen kein Küken geschlüpft ist) mehr Energiekosten einzuplanen, da der Stall vorab drei Tage lang aufgeheizt werden muss. Insgesamt sind mehr Kenntnisse nötig. Der Tierhalter habe mehr Verantwortung und werde quasi „zum Brütereiexperten“, betonte Spindler. Große Integrationen stellen auch Berater für den Schlupf im Stall an die Seite.
Die erste Gesundheitskontrolle und Selektion ist wie die ersten Impfung(en) im Stall durchzuführen (IB-Impfung; bei langsam wachsenden Genetiken und Biohühnern an Marek-Impfung denken. Diese kann in ovo am 18. Tag in der Brüterei durchgeführt werden bei um 8 – 9 ct pro Ei steigenden Bruteikosten).
Schaffung optimaler Brutbedingungen
Für einen optimalen Brutprozess sollte das Stallklima so gestaltet sein, dass zur Eiablage am 18. Bruttag folgende Bedingungen vorherrschen:
- Stalltemperatur am Boden 27 bis 30 °C, Luft: mindestens 30 bis 32 °C
- Relative Luftfeuchte etwa 50 %, mindestens 40 %
Zur Stallvorbereitung ist der Stall auf mindestens 32 °C vorzuheizen. Einige Integrationen empfehlen 34 bis 36 °C, abhängig vom Stall und dem Schlupfverfahren. Der Stall sollte nicht zu feucht sein. Intensives Befeuchten der Luft durch die Sprühkühlung bringt erfahrungsgemäß schlechtere Schlupfraten.
Die Eischalentemperatur ist eng zu überwachen – am besten mit Eischalensensoren, die über das Handy mit einer App jederzeit abgelesen werden können (Angabe in Grad Fahrenheit = °F). Optimalerweise beträgt die Temperatur an der Eischale 96 bis maximal 99 °F (36 °C bis 36,5 °C, nicht > 38,0 °C = 100 °F!). Kurz vor dem Schlupf beträgt die Schalentemperatur 100 °F. Die Brütereien liefern die Eischalensensoren oft mit.
Erfahrungsgemäß sollte der Stall besser etwas kälter als zu warm sein. Bei zu viel Wärme will das Küken schnell schlüpfen, was Stress verursacht. Zugluft ist zu vermeiden. Als Nest kann ein etwa 5 bis 6 cm tiefes Bett aus Spänen, Torf, Stroh oder Pappe dienen.
Die Eier- bzw. Schlupfhorden müssen so beschaffen sein, dass es keine Verletzungsgefahr gibt. Die Horden sollten nah an den Wasser- und Futtersträngen stehen. Wichtig: Der spitze Pol der Eier muss in der Horde nach unten zeigen, damit die Küken schlüpfen können! Zwischen den Eierhorden ist ausreichend Platz zu lassen, um das Einklemmen von Küken zu verhindern.
Überwachung des Schlupfprozesses
Ab Ende des 19. Bruttages ist eine viermal tägliche Stallkontrolle innerhalb von 24 Stunden empfehlenswert. Die geschlüpften Küken sind auf Vitalität zu prüfen:
- Sogenannte „red hocks“ (rote Fersenhöcker) sind ein Zeichen für eine Durchblutungsstörung, wenn die Küken zu schnell das Ei verlassen haben – das könnte auf einen zu warmen Stall hinweisen.
- Kontrolle auf Kropffüllung.
- Kloakentemperatur sollte 39,5 bis 40,5 °C betragen.
- Auf Verteilung der Tiere im Stall achten.

Zum Umgang mit nicht lebensfähigen Küken ist Sachkunde nötig. Lebensschwache Küken sind z. B. Tiere
- mit massiven Missbildungen,
- mit nicht geschlossenem Nabel,
- mit nicht eingezogenem Dottersack,
- mit deutlichen Verhaltensauffälligkeiten (teilnahmslos, reaktionslos, geschlossene Augen).
Diese Tiere sind tierschutzkonform zu töten (nach TSchG § 4a und 4b sowie Verordnung EG 1099/2009 Art. 7). Zulässige Tötungsmethode ist der Genickbruch durch ein manuelles oder mechanisches Strecken des Halses mit Durchtrennung des Rückenmarks und der Halsgefäße direkt unterhalb des Kopfes. Eine Person darf laut Verordnung EG 1099/2009 höchstens 70 Tiere pro Tag durch einen stumpfen Schlag auf den Kopf betäuben und Genickbruch töten.
Umgang mit „Steckenbleibern“
Da nicht alle Küken schlüpfen und auch nicht alle überlebensfähig sind, müssen etwa 3 % mehr Eier angeliefert werden, um die kalkulierte Tierzahl aufzuziehen. „Steckenbleiber“ in Eiern ebenso wie Eier, aus denen das Küken nicht geschlüpft ist, müssen tierschutzkonform getötet werden, indem sie einer Zerkleinerung in einem Mazerator zugeführt werden. Das Absammeln geschieht nach dem 21,5. Bruttag, zusammen mit dem Einsammeln der Schlupfhorden. Zugelassene „Mazeratoren“ bzw. Homogenisatoren müssen mit „schnell rotierenden Messern oder Polystyrennoppen“ ausgestattet sein, die den sofortigen Tod der Tiere herbeiführen.
Zertifizierte Mazeratoren kosten einige 1.000 bis hin zu 18.000 Euro. Manche Integrationen liefern die Technik mit. Gasverfahren sind für nicht geschlüpfte Küken wegen der eher undurchlässigen Eischale weder geeignet noch zulässig.
Eischalen im Stall zu lassen, ist an sich hygienisch kein Problem – laut Spindler wurde dies sogar in Untersuchungen festgestellt. Die Küken picken die Schalen auf. Beim Abholen der Einstreu dürfen allerdings keine Schalen mehr zu sehen sein. In der Praxis wird ein Großteil der Schalen mit den Eierhorden abgesammelt und anschließend fachgerecht entsorgt. Üblich ist die Entsorgung über zugelassene Entsorgungsbetriebe, meist gemeinsam mit anderem Brutabfall.
Leitfaden der Landwirtschaftskammer Niedersachsen: www.nutztierhaltung.de
Ziel des MuD-Projekts war es, Effekte des Schlupfes im Stall auf Tierwohl, Tiergesundheit und vor allem Antibiotikaminimierung, Tierleistung und Ökonomie zu untersuchen. Beteiligt waren acht Praxisbetriebe, die Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, die Landwirtschaftskammer Niedersachsen, die Ludwig-Maximilian-Universität München sowie die Universität Rostock. Das Projekt wurde vom Netzwerk Fokus Tierwohl gefördert.
Pro Betrieb flossen zwei Ställe in die Untersuchung ein – in einem Stall wurde der Schlupf praktiziert, parallel dazu wurden Eintagsküken aus einer Brüterei der gleichen Elterntierherde in einem anderen Stall eingestallt. Die Betriebe waren deutschlandweit verteilt (Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Niedersachsen und Bayern) und mästeten ihre Hühner verschiedener Genetiken in verschiedensten Haltungsformen: konventionell, nach Initiative Tierwohl, Tierschutzlabel ein Stern sowie Biohaltung. Sechs Durchgänge wurden pro Betrieb untersucht.
Dr. Birgit Spindler präsentierte im LVZ Futterkamp die Ergebnisse über alle Herden und alle Betriebe hinweg (SIS = Schlupf im Stall; BRÜ = Schlupf in der Brüterei):
- Schlupfrate: keine signifikanten Unterschiede bei Gesamtschlupfrate (Anteil nach Selektion an der Gesamtmenge der in der Brüterei eigelegten Eier): 84,9 % SIS : 83,8 % BRÜ (jeweils von 30 Herden). Durchschnittliche Schlupfrate im Stall 96,7 % (Anteil nach Selektion an der Gesamtmenge der in den Stall eingelegten Bruteier).
- Kükenqualität nach PASGAR-Score: Nach erstem Schlupftag (nach Herausnahme nicht lebensfähiger Küken) in Brütereien etwas besser – hier bessere Selektion möglich: 8,44 SIS : 8,74 BRÜ.
- Verluste: Siebentagesverluste in Herden mit Küken aus der Brüterei besser, da schärfere Selektion in der Brüterei: 1,78 % SIS : 1,24 % BRÜ. Gesamtverluste Mast im Schnitt ähnlich hoch: SIS 3,62 % : 3,23 % BRÜ.
- Gewichte: Erster Massttag: SIS-Küken etwas schwerer: 55,7 g : 52,1 g. Ausstallgewichte: keine signifikanten Unterschiede, numerisch SIS-Küken leicht schwerer: 2.520 g : 2.460 g.
- Fußballen: SIS-Küken leicht schlechter, aber nicht signifikant.
- Antibiotikaeinsatz: keine signifikanten Unterschiede im Anteil der Behandlungen: 66 % SIS : 51,5 % BRÜ. Gründe für Antibiotikaeinsatz sind allerdings auch multifaktoriell.
- Arbeitszeitbedarf: Mehraufwand SIS 10 bis 20 Akh, abhängig vom Ei-Einlageverfahren.
- Ökonomie: Leistungen und Kennzahlen variabel und abhängig vom Betrieb! Durchschnittlicher Mehraufwand durch Energie, Futter, Impfungen bei SIS: 10 ct/Küken. Aussagen von Landwirten: plus 16 ct/Küken, da rund einen halben Durchgang weniger.

Ein Leben – ein System: Unter diesem Motto berichtete Konstantin Kahle von Big Dutchman über erste Erfahrungen mit dem Schlupf im Stall in der Legehennenhaltung bei Familie Claessen, die in den Niederlanden ein Eggsperience-Center eingerichtet haben. Hier wird das Natura Life-System mit Schlupf, Aufzucht und Eiererzeugung getestet. Das System wächst quasi mit den Tieren mit: Höhenverstellbare Tröge, Tränkelinien und engmaschige Gitterböden kennzeichnen das eingebaute Schlupf-Aufzucht-System, in dem die Küken schlüpfen.
Gebaut wurde ein Stall für 1.700 Legehennen. Zwingend nötig ist hier neben der IB-Impfung nach dem Schlupf die Marek-Impfung bei Legehennen, die allerdings in der Brüterei (Pluriton) durchgeführt wird. Claessens haben bezüglich der Stallbedingungen die gleichen Erfahrungen gemacht wie Hähnchenmäster: Den Stall lieber etwas frischer halten als wenn er zu warm aufgeheizt wird.
Erste Kotanalysen auf Stresshormone, durchgeführt von der Universität Osnabrück, lassen erste Rückschlüsse auf das Stresslevel der Tiere schließen. Dieses war bei den im Stall geschlüpften Tieren etwas geringer als in der Vergleichsgruppe mit in der Brüterei geschlüpften Hennen. Die Küken und später auch die Hennen einer weißen Linie waren zutraulicher beim Schlupf im Stall.
Die bisherigen Ergebnisse aus mehreren Durchgängen sind keine wissenschaftlich durchgeführten Untersuchungen, sondern eher praktischer Natur in einem Stall mit nur 1.700 Legehennen, betonte Kahle. Sie müssten noch durch wissenschaftliche Untersuchungen verifiziert werden. Im Vergleich mit einem konventionellen Stall gleicher Fütterung und gleichen Futters entwickeln sich die Tiere tendenziell besser und wachsen etwas schneller. Es werden etwas mehr Eier pro Henne erzielt durch eine längere Produktionszeit bei einem geringeren Energiebedarf im Futter. Ökonomische Auswertungen gibt es noch nicht.
Das Tiertraining ist vereinfacht. In der Aufzucht fallen die Reinigung weg sowie das Fangen und Verladen der Tiere. Der Stall braucht eine Heizung für die Aufzucht rund um den Schlupf. Der Kükenboden wird nach den ersten acht Wochen der Aufzucht entfernt.
Laut Big Dutchman ist das System interessant für
- Eiererzeuger mit eigener Vermarktung und eigenem Tierwohl-Brand,
- Eiererzeuger aus Regionen mit hohem Krankheitsdruck,
- Eiererzeuger mit schlechter Aufzuchtverfügbarkeit (weltweit betrachtet).
Siehe auch DGs-Beitrag im DGS-Magazin 3/2025 bzw. unter www.dgs-magazin.de, Webcode 8097910.









