
Newcastle Disease: Impfung verhindert nicht die Verbreitung
In einem am 24. März durchgeführten Online-Seminar gaben Experten des Friedrich-Loeffler-Institutes (FLI) einen umfassenden Überblick über die derzeitigen Erkenntnisse zur Newcastle Disease (ND). Deutlich wurde: Umfassende Maßnahmen sind erforderlich, um die unkontrollierbare Ausbreitung des Virus, wie z. B. in Polen, in Deutschland zu verhindern.
von Susanne Gnauk, DGS Quelle FLI erschienen am 25.03.2026Über 1.000 Anmeldungen das Online-Seminars des Friedrich-Loeffler-Institutes (FLI) zur Newcastle Disease (ND) am 24. März verdeutlichen die Brisanz des Themas für die Geflügelhalter. Seit Jahresbeginn zeigte sich ein hoher Infektionsdruck entlang der östlichen Grenzen Polens zu Deutschlands, erläuterte eingangs Prof. Dr. Carola Sauter-Louis, Leiterin des Instituts für Epidemiologie des FLI. Im Februar 2026 wurden die ersten neuen Ausbrüche in Deutschland verzeichnet. Aktuell gibt es zwei Cluster, die sich mehr oder weniger in der Nähe der Grenzen zu Polen bzw. Tschechien befinden. Das brandenburgische Cluster liegt dabei nur wenige Kilometer von der polnischen Grenze und das in Bayern etwa 82 km von der tschechischen Grenze entfernt. Beide Cluster weisen eine höhere Geflügeldichte auf.
Mögliche Vektoren der Virusverbreitung
In betroffenen Betrieben werden verschiedene Faktoren untersucht, die zur Verbreitung des Virus beitragen könnten. Dazu gehören unter anderem der Zukauf von Geflügel, die Verbindungen zu betroffenen Gebieten, auch in Polen und Tschechien über Fahrzeuge, Menschen und Tierkontakte, sowie das ND-Impfschema und die verwendeten ND-Impfstoffe. Wetterbedingungen und das Alter der Tiere werden als potenzielle Faktoren ebenso untersucht. Als Vektor kann auch die Luft über kurze Distanzen nicht ausgeschlossen werden. Mist könnte, abhängig von der Weiterverarbeitung, als Vektor eine Rolle spielen. In Biogasanlagen wird das Virus rasch inaktiviert.
„Eine erfolgreich durchgeführte Impfung reduziert die klinischen Symptome, konnte aber in den betroffenen Betrieben offensichtlich nicht die Virusverbreitung verhindern“, betonte Sauter-Louis.
„Eine erfolgreich durchgeführte Impfung reduziert die klinischen Symptome, konnte aber in den betroffenen Betrieben offensichtlich nicht die Virusverbreitung verhindern.“ Prof. Dr. Carola Sauter-Louis, FLI
Zusammenfassend stellte sie fest:
- Seit Jahresbeginn gibt es einen neuen Eintrag virulenter (velogener) hochpathogener ND-Viren in Deutschland, was das Risiko einer fortschreitenden Virusverbreitung erhöht – ähnlich wie in Polen und Tschechien.
- Massive und umfassende Maßnahmen sind erforderlich, um die unkontrollierbare Ausbreitung des Virus, wie z. B. in Polen, in Deutschland zu verhindern.
- Es wurden bereits erhebliche Schäden verursacht, die in ihrer Größenordnung, bezogen auf den Zeitraum, sogar die durch Hochpathogene Aviäre Influenza (HPAI) übertreffen.
Handlungsoptionen zur Bekämpfung der Newcastle Disease
Um die Ausbreitung der Newcastle Disease einzudämmen, ist eine Reihe von Maßnahmen zwingend nötig.
- Impfung: Die fortgesetzte flächendeckende Schutzimpfung, auch mit den herkömmlichen zugelassen Impfstoffen der Genotypen I oder II, reduziert die Viruslast.
- Biosicherheit: Die Biosicherheit ist auf allen Betrieben maximal zu erhöhen.
- Untersuchung von Kontaktnetzwerken: Nötig ist eine risikobasierte Reduktion der Kontakte.
- Früherkennung: Eine intensivere Überwachung ist erforderlich, u. a. über Probenahmen von Falltieren und Beobachtung der Leistungsparameter.
- Bekämpfung: Bei einem Ausbruch sind Bestandsräumungen, Verbringungsbeschränkungen und Aufstallungen weiterhin nötig.
Abschließend bekräftigte Sauter-Louis: „Wir müssen sicherstellen, dass es uns nicht genauso ergeht wie in Polen. Neben der Impfung ist es entscheidend, die Biosicherheit maximal zu erhöhen und konsequente Bestandsräumungen durchzuführen, um die Ausbreitung zu stoppen.“ Die rechtzeitige und entschlossene Reaktion auf diese Bedrohung sei von zentraler Bedeutung für den Schutz der Geflügelbestände in Deutschland.
„Neben der Impfung ist die Biosicherheit maximal zu erhöhen und konsequente Bestandsräumungen sind durchzuführen.“ Prof. Dr. Carola Sauter-Louis, FLI
Alle Vögel gelten als empfänglich
ND ist eine meldepflichtige Seuche der Kategorie A in der EU und bei der Weltorganisation für Tiergesundheit (WOAH). Laut EU-Verordnung 2020/68; Artikel 12, sind infizierte Bestände zu merzen, Ausnahmen beschreibt Artikel 13. Darauf wies PD Dr. med. vet. Christian Grund, Leiter des WOAH, FAO und Nationalen Referenzlabors für Newcastle-Krankheit am FLI, hin. Grund verdeutlichte, warum ND so gefährlich ist:
- Alle Vögel gelten als empfänglich für die Infektion.
- Hühnervögel sind besonders empfindlich für die Entwicklung der Krankheit.
- Wasservögel können ohne Klinik infiziert sein.
- Das Virus ist hoch ansteckend und wird über den oberen Respirationstrakt und Kot ausgeschieden.
- Eine direkte/indirekte Übertragung auch über menschliche Aktivitäten ist möglich.
Sehr variable Klinik
Als Symptome der atypischen Geflügelpest oder Newcastle Disease zählte Grund auf:
- Plötzlicher Anstieg der Mortalität (bis zu 100 %)
- „Grabesstille“ im Stall
- Ausgeprägte Apathie
- Rückgang der Eierproduktion
- Ödem des Kopfes
- Zyanose von Kamm und Kopf
- Atemnot
- Wässriger Durchfall / Polyurie
- Störungen des zentralesn Nervensystems / Lähmungen
Die Inkubationszeit beträgt dabei zwei bis fünf Tage. Grund betonte, dass die Klinik sehr variabel sei, abhängig vom Alter, der Spezies, dem Impfstatus und Co-Faktoren. Die Infektion kann auch unterschwellig im Bestand sein, bevor man es an Leistungsabfall und erhöhter Sterblichkeit bemerkt. Insbesondere bei geimpften Tieren ist damit zu rechnen, dass Tiere nur milde klinische Krankheitszeichen zeigen und nur geschwächte Tiere bzw. ungenügend geimpfte Tiere der Herde erkranken.
Warum ND-Ausbrüche in geimpften Beständen?
Der Fachtierarzt für Geflügel, Wild-, Zier- und Zoovögel betonte, dass Impfung allein nicht vor Schäden der Newcastle Krankheit schützt. Geimpfte Tiere zeigen zwar eine erhöhte Resistenz gegenüber einer Infektion, sie können aber weiterhin mit hohen Virusdosen infiziert werden, scheiden dann jedoch weniger Virus aus. Allerdings können bei Bestandsimpfungen verschiedene Impflücken auftreten – Tiere, die nicht geimpft wurden, tragen beispielsweise zu einer massiven Vermehrung im Bestand bei und verbreiten so die Krankheit weiter.
Zudem sind Jungtiere in den ersten Lebenswochen bis zur Ausbildung eines Impfschutzes besonders gefährdet. Eine klinische Manifestation ist dann bei empfindlichen Tieren besonders ausgeprägt (Jungtiere, Impfversager).
Durch die abgeschwächten klinischen Verläufe in geimpften Herden reiche die klinische Überwachung nicht aus, um die Viruszirkulation zu stoppen. Ein testbasiertes Früherkennungssystem ist notwendig. Impfschemata seien zu hinterfragen und durch unabhängige Studien zu stützen. In Ländern, in denen zwar geimpft werde, aber die weitere konsequente Bekämpfung, wie etwa durch Bestandsräumungen, vernachlässigt werde, bleibe die Newcastle Disease (ND) endemisch.
„In Ländern, die impfen, aber die weitere konsequente Bekämpfung vernachlässigen, bleibt Newcastle Disease endemisch.“ PD Dr. Christian Grund, FLI
Diagnostik: Impf- und Feldviren sind zu unterscheiden
Die Viren, die bei den ND-Ausbrüchen in Deutschland nachgewiesen wurden, gehören zum Genotypen VII.1.1. und ordnen sich in ein osteuropäisches Cluster ein. Sie haben ihren Ursprung daher in Osteuropa. Viren in Brandenburg und Bayern sind aber unterscheidbar, was auf separate Einträge hinweist.
Die Diagnostik der Newcastle Disease erfolgt gemäß dem Tiergesundheitsgesetz (TierGesG) und der amtlichen Methodensammlung. Zur zwingend nötigen Unterscheidung von Impf- und Feldviren werden molekulare Schnelltests auf der Basis von quantitativer Echtzeit-PCR (RT-qPCR) eingesetzt. Geeignete (Tupfer-)Proben können aus Rachen und Kot genommen werden, sowie bei verendeten Tieren aus Organen wie Milz, Gehirn, Lunge, Niere und Darm. Eine Genotypisierung zur Einordnung der Virusvarianten ist vorzunehmen. Verdachtsfälle müssen gemäß EU-Verordnung 2020/689 Artikel 9 und 2023/361 Anhang XIV überprüft und ausgeschlossen werden.
Biosicherheit bleibt wichtigste Schutzmaßnahme
Christian Grund zog folgendes Fazit:
- Biosicherheit bleibt die wichtigste Schutzmaßnahme.
- Es stehen veröffentlichte Nachweisverfahren zur Differenzierung des NDV zur Verfügung.
- Eine flächendeckende Schutzimpfung kann die Viruslast verringern und das Verbreitungsrisiko minimieren.
- Die Impfstoff-Wirksamkeit (Immunogenität) sollte regelmäßig überprüft werden.
- Eine Anpassung des Zulassungsverfahrens von Impfstoffen, insbesondere bezüglich Transmission und MDA (maternale Antikörper), ist erstrebenswert.
„Die Bekämpfung von ND gelingt nur gemeinsam“, betonte der Wissenschaftler. Im Anschluss konnten viele Fragen beantwortet werden. Ein Mitschnitt des Online-Seminars steht demnächst zur freien Verfügung auf der Website des FLI.










