
Interview mit Dr. Falko Kaufmann
Ausbildung fürs Geflügel breiter aufstellen
In der Geflügelhaltung bedarf es immer spezifischerer und gleichzeitig breiterer Kenntnisse. Die DGS sprach mit Dr. Falko Kaufmann von der Hochschule Osnabrück über Angebote, Herausforderungen und künftige Ansprüche an Lehre und Studium für die Geflügelwirtschaft.
von Dr. Anke Redantz, Dr. Falko Kaufmann erschienen am 06.01.2026
Zur Person
Dr. Falko Kaufmann
ist seit 2011 an der Hochschule Osnabrück tätig und lehrt im Bereich der Nutztierwissenschaften mit Fokus auf Produktionssysteme und Bestandsmanagement. Kaufmann ist u. a. involviert in Forschungs- und Entwicklungsprojekte mit den Themen „Tier-Umwelt-Interaktionen“ sowie „Erwachsenenbildung“.
DGS: Sind die Lehrpläne und Lehrer in den Berufsschulen ausreichend auf aktuelle Anforderungen in der Tierhaltung ausgerichtet oder wo sehen Sie da Lücken – und wie lassen sich diese schließen? Kaufmann: Ich hatte eben bereits über die Bedeutung der Lebensmittelsicherheit und des Tierwohls gesprochen. Hierzu gehört auch ein Verständnis für Tiergesundheit, Tierschutz und Ethologie. An der Hochschule Osnabrück stellten wir bei Studienanfängern mit einschlägiger Ausbildung fest, dass von 293 befragten Erstsemester-Studierenden 73 % vor dem Studium eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert hatten. Knapp 60 % von ihnen gaben an, dass die Tierethologie, also die Lehre vom Tierverhalten, nicht Gegenstand der Ausbildung gewesen sei, keiner der Befragten konnte den Begriff „Ethologie“ mit wesentlichen Kriterien beschreiben. Keiner der Befragten konnte die Bereiche des § 2 des Tierschutzgesetzes, der sogenannten Tierhalternorm, vollständig benennen oder auch nur sinngemäß wiedergeben. Ausgebildete Landwirtinnen und Landwirte sollten hier entsprechende Kenntnisse haben. An der Hochschule müssen solche Lücken adressiert und geschlossen werden. Das geht zulasten des eigentlichen Curriculums.
Grundsätzlich sind die Anforderungen an Jobs in der Wertschöpfungskette Geflügel breiter und auch tiefer bzw. spezieller geworden. Dr. Falko Kaufmann
DGS: Bezüglich Geflügelwirtschaft: Was verbirgt sich hinter dem Studienschwerpunkt StanGe an Ihrer Hochschule? Kaufmann: Die Hochschule Osnabrück bietet den Studienschwerpunkt angewandte Geflügelwissenschaften (StanGe) an, der von Studierenden der Agrarwissenschaften optional und ohne Vorkenntnisse gewählt werden kann. Für alle Studierenden des Studienganges sind die ersten drei Semester identisch und führen zu einer breiten Grundlage in den Bereichen Naturwissenschaften, Technik, Pflanzenbauwissenschaften, Tierwissenschaften, Ökonomie und überfachliche Kompetenzen wie Mitarbeiterführung oder Management. Nach dem dritten Semester lässt sich das Studium individuell gestalten und aus einem umfangreichen Modulangebot ein Vertiefungsstudium nach eigenen Interessen und Bedürfnissen kombinieren. Im Hauptstudium werden StanGe-Studierenden verschiedene Module ausschließlich mit Inhalten zum Geflügel angeboten, u. a. Geflügelwissenschaften und -Management sowie Precision Poultry Farming. Zudem können ein bis zwei Module „Projekt anwendungsorientierte Problemlösungen“ zum Geflügel gewählt werden. Jeweils ein Thema aus dem Geflügelbereich erarbeiten die Studierenden zusammen mit Praxisunternehmen. So sammeln sie zum einen Praxiserfahrungen, zum anderen knüpfen sie erste Kontakte mit potenziellen späteren Arbeitgebern. Im Modul Poultry Management wird auch das ordnungsgemäße, tierschutzkonforme Töten (Nottöten) und Schlachten von Geflügel gelehrt. Studierende erlangen hier nach separater theoretischer und praktischer Prüfung im Erfolgsfall die von den Behörden geforderte Sachkunde. Bei einer Bachelorarbeit im Themenkomplex „Geflügel“ besteht insgesamt die Möglichkeit, sich im Hauptstudium sehr stark auf das Nutzgeflügel zu fokussieren. Berufsbegleitend lässt sich auch ein Masterabschluss im Bereich „Angewandte Geflügelwissenschaften“ erlangen. Dieser richtet sich vor allem an Berufstätige, die ihren Beruf mit einem weiterführenden Studium und anwendungsorientierter Forschung und Entwicklung verbinden wollen, gleichzeitig aber auch an Personen mit diskontinuierlichen Bildungs- und Erwerbsbiografien. DGS: Wo lässt sich die Osnabrücker Poultry Academy einordnen? Kaufmann: Neben der Ausbildung von Fachkräften für den Geflügelsektor über die grundständige Lehre besteht eine Aufgabe von StanGe auch in der Fort- und Weiterbildung. Unter dem Dach der Osnabrücker Poultry Academy (OPA) werden u. a. Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen zentral organisiert und angeboten. Dazu gehören Symposien wie das Osnabrücker Geflügelsymposium, Workshops (Zielgröße etwa 20 Teilnehmer) oder auch themen- und bedarfsorientierte Inhouse-Schulungen zur Haltung, zum Management, zur Fütterung et cetera. Zielgruppe der Fort- und Weiterbildungsangebote sind Personen mit und ohne Hochschulzugangsberechtigung, u. a. Fach- und Führungskräfte der Geflügelwirtschaft, berufliche Quereinsteiger, Tierhaltende und Tierbetreuende von Geflügelbeständen, verantwortliche Personen in der Geflügelbranche, Agraringenieure und Tierärzte.
„Ausgebildete Landwirte sollten Kenntnisse von Tierethologie haben.“ Dr. Falko Kaufmann

Hochschule Osnabrück: Fortbildung im an der Osnabrücker Poultry Academy mit Prof. Dr. Robby Andersson. © Hochschule Osnabrück
Diversifikations- und Transformationsprozesse im Agrar- und Lebensmittelbereich benötigen gezielte Angebote von Lehr- und Lernszenarien mit einer entsprechenden Aufrechterhaltung von Kompetenzen. Wir erleben auch den Trend weg von inhaltlicher Breite, hin zur Nachfrage nach sehr feingliedrigen, spezifischen Themen. Wir bereiten uns hierauf vor, werden das Angebot des Poultry Professional tierartenspezifisch diversifizieren und z. B. den berufsbegleitenden Master in ein Zertifikatsstudium überführen, an dessen Ende ein Masterabschluss stehen kann, aber eben auch nicht muss. Ich denke, dass klassische Qualifizierungswege und -möglichkeiten künftig aufbrechen werden und zertifizierte, modulare Lehrinhalte verschiedenster Formate an Bedeutung gewinnen werden, die dann über Anerkennungsmodelle und Durchlässigkeiten zu einem Abschluss oder einer Qualifikation zusammengebunden werden können. Weiterhin müssen wir bestehende und künftige Angebote internationalisieren – zum einen für Personen, die aus dem Ausland in den deutschen Arbeitsmarkt eintreten. Wir müssen aber auch unsere Leute für den ausländischen Arbeitsmarkt oder -ort vorbereiten. Wir wollen Schulungsangebote praktisch und angewandt gestalten. Die Vermittlung von Fertigkeiten und Fähigkeiten an und mit Tieren wird allerdings zunehmend herausfordernder, da sich die rechtlichen Rahmenbedingungen geändert haben. Auch zu Ausbildungszwecken kann eine tierversuchsrechtliche Genehmigung notwendig werden, was aufwendig ist und die Vermittlung von Fertigkeiten deutlich erschwert.
Grundsätzliche Qualifizierungen reichen künftig nicht mehr aus, um den spezifischen und immer breiteren Anforderungen im Agrar- und Geflügelbereich gerecht zu werden. Dr. Falko Kaufmann
Weiterführende Links
- Osnabrücker Poultry Academy (OPA): www.hs-osnabrueck.de/osnabruecker-poultry-academy/
- Zertifikatskurs „Poultry Professional“: www.hs-osnabrueck.de/osnabruecker-poultry-academy/poultry-professional/
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