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Interview mit Dr. Falko Kaufmann

Ausbildung fürs Geflügel breiter aufstellen

In der Geflügelhaltung bedarf es immer spezifischerer und gleichzeitig breiterer Kenntnisse. Die DGS sprach mit Dr. Falko Kaufmann von der Hochschule Osnabrück über Angebote, Herausforderungen und künftige Ansprüche an Lehre und Studium für die Geflügelwirtschaft.

von Dr. Anke Redantz, Dr. Falko Kaufmann erschienen am 06.01.2026
Die Hochschule Osnabrück bietet den Studienschwerpunkt angewandte Geflügelwissenschaften (StanGe) an. © Hochschule Osnabrück
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Zur Person
Dr. Falko Kaufmann
ist seit 2011 an der Hochschule Osnabrück tätig und lehrt im Bereich der Nutztierwissenschaften mit Fokus auf Produktionssysteme und Bestandsmanagement. Kaufmann ist u. a. involviert in Forschungs- und Entwicklungsprojekte mit den Themen „Tier-Umwelt-Interaktionen“ sowie „Erwachsenenbildung“.
DGS: Welche Ausbildungswege gibt es speziell für die Geflügelhaltung? Dr. Falko Kaufmann: Über Berufsausbildungen können Kompetenzen im Bereich der Geflügelhaltung erlangt werden. So kann man sich klassisch zur Landwirtin bzw. zum Landwirt ausbilden lassen oder zur Tierwirtin bzw. zum Tierwirt mit der Fachrichtung Geflügelhaltung. Landwirte-Azubis können sich auf verschiedene tierische Schwerpunkte spezialisieren, darunter eben auch die Geflügelhaltung. Die praktische Ausbildung erfolgt dann entsprechend in anerkannten landwirtschaftlichen Ausbildungsbetrieben, die sich auf die Haltung und Pflege von Geflügel spezialisiert haben. Die Ausbildung zum Tierwirt „Geflügel“ ist eine praxisorientierte und vielseitige Qualifizierung, die in Deutschland über drei Jahre im dualen System erfolgt und wo die Auszubildenden definierte Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten erlangen.  Aufbauend auf beide Ausbildungswege kann man sich danach zur Tierwirtschaftsmeisterin bzw. zum -meister fortbilden. Das qualifiziert für die selbstständige und verantwortliche Übernahme von anspruchsvollen Aufgaben im späteren Berufsfeld. DGS: Kompetenzen im Geflügelbereich lassen sich weiterführend auch an Hochschulen erwerben … Kaufmann: Der Erwerb von Kenntnissen im Geflügelbereich ist im Rahmen nachfolgender Agrarstudiengänge an Hochschulen mit unterschiedlichem Spezialisierungsgrad möglich. Aktuell verfügt die Hochschule Osnabrück über das umfangreichste Angebot für Aus- und Fortbildung speziell im Geflügelbereich. Andere Hochschulen haben in ihren Bachelor- und Masterstudiengängen keine ausgewiesene Vertiefungsrichtung bzw. auf Geflügel spezifizierten Studiengänge. Einige Hochschulen bieten allerdings spezielle Module in der Lehre zu Haltung, Fütterung und Management von Nutzgeflügel an. DGS: Wie hat sich der Anspruch an Kompetenzen in den letzten Jahren geändert? Kaufmann: Mit dieser Frage mussten wir uns in Osnabrück in den letzten Jahren immer mehr auseinandersetzen. Grundsätzlich sind die Anforderungen an die Jobs in der Wertschöpfungskette Geflügel breiter und auch tiefer bzw. spezieller geworden. So wird z. B. bei der Produktion von Geflügelerzeugnissen erwartet, dass diese sicher und marktkonform erzeugt werden. Was so logisch klingt, stellt komplexe Anforderungen an Prozessüberwachung und -sicherung, die in den letzten Jahren anspruchsvoller und auch umfangreicher geworden sind. Der Markt fordert neben der klassischen Lebensmittelsicherheit (Tiergesundheitsmanagement) auch, dass Produkte im Rahmen von Zertifizierungen und/oder als Qualitätsfaktoren ebenso Aspekte des Tierwohls und auch Umweltwirkungen berücksichtigen. Personen in der Primärproduktion und im vor- und nachgelagerten Bereich müssen hier also über entsprechende Kompetenzen verfügen, damit ihre Betriebe erfolgreiche Marktteilnehmer sind und bleiben.
Grundsätzlich sind die Anforderungen an Jobs in der Wertschöpfungskette Geflügel breiter und auch tiefer bzw. spezieller geworden. Dr. Falko Kaufmann
DGS: Sind die Lehrpläne und Lehrer in den Berufsschulen ausreichend auf aktuelle Anforderungen in der Tierhaltung ausgerichtet oder wo sehen Sie da Lücken – und wie lassen sich diese schließen? Kaufmann: Ich hatte eben bereits über die Bedeutung der Lebensmittelsicherheit und des Tierwohls gesprochen. Hierzu gehört auch ein Verständnis für Tiergesundheit, Tierschutz und Ethologie. An der Hochschule Osnabrück stellten wir bei Studienanfängern mit einschlägiger Ausbildung fest, dass von 293 befragten Erstsemester-Studierenden 73 % vor dem Studium eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert hatten. Knapp 60 % von ihnen gaben an, dass die Tierethologie, also die Lehre vom Tierverhalten, nicht Gegenstand der Ausbildung gewesen sei, keiner der Befragten konnte den Begriff „Ethologie“ mit wesentlichen Kriterien beschreiben. Keiner der Befragten konnte die Bereiche des § 2 des Tierschutzgesetzes, der sogenannten Tierhalternorm, vollständig benennen oder auch nur sinngemäß wiedergeben. Ausgebildete Landwirtinnen und Landwirte sollten hier entsprechende Kenntnisse haben. An der Hochschule müssen solche Lücken adressiert und geschlossen werden. Das geht zulasten des eigentlichen Curriculums.
„Ausgebildete Landwirte sollten Kenntnisse von Tierethologie haben.“ Dr. Falko Kaufmann
DGS: Bezüglich Geflügelwirtschaft: Was verbirgt sich hinter dem Studienschwerpunkt StanGe an Ihrer Hochschule? Kaufmann: Die Hochschule Osnabrück bietet den Studienschwerpunkt angewandte Geflügelwissenschaften (StanGe) an, der von Studierenden der Agrarwissenschaften optional und ohne Vorkenntnisse gewählt werden kann. Für alle Studierenden des Studienganges sind die ersten drei Semester identisch und führen zu einer breiten Grundlage in den Bereichen Naturwissenschaften, Technik, Pflanzenbauwissenschaften, Tierwissenschaften, Ökonomie und überfachliche Kompetenzen wie Mitarbeiterführung oder Management. Nach dem dritten Semester lässt sich das Studium individuell gestalten und aus einem umfangreichen Modulangebot ein Vertiefungsstudium nach eigenen Interessen und Bedürfnissen kombinieren. Im Hauptstudium werden StanGe-Studierenden verschiedene Module ausschließlich mit Inhalten zum Geflügel angeboten, u. a. Geflügelwissenschaften und -Management sowie Precision Poultry Farming. Zudem können ein bis zwei Module „Projekt anwendungsorientierte Problemlösungen“ zum Geflügel gewählt werden. Jeweils ein Thema aus dem Geflügelbereich erarbeiten die Studierenden zusammen mit Praxisunternehmen. So sammeln sie zum einen Praxiserfahrungen, zum anderen knüpfen sie erste Kontakte mit potenziellen späteren Arbeitgebern. Im Modul Poultry Management wird auch das ordnungsgemäße, tierschutzkonforme Töten (Nottöten) und Schlachten von Geflügel gelehrt. Studierende erlangen hier nach separater theoretischer und praktischer Prüfung im Erfolgsfall die von den Behörden geforderte Sachkunde. Bei einer Bachelorarbeit im Themenkomplex „Geflügel“ besteht insgesamt die Möglichkeit, sich im Hauptstudium sehr stark auf das Nutzgeflügel zu fokussieren. Berufsbegleitend lässt sich auch ein Masterabschluss im Bereich „Angewandte Geflügelwissenschaften“ erlangen. Dieser richtet sich vor allem an Berufstätige, die ihren Beruf mit einem weiterführenden Studium und anwendungsorientierter Forschung und Entwicklung verbinden wollen, gleichzeitig aber auch an Personen mit diskontinuierlichen Bildungs- und Erwerbsbiografien. DGS: Wo lässt sich die Osnabrücker Poultry Academy einordnen? Kaufmann: Neben der Ausbildung von Fachkräften für den Geflügelsektor über die grundständige Lehre besteht eine Aufgabe von StanGe auch in der Fort- und Weiterbildung. Unter dem Dach der Osnabrücker Poultry Academy (OPA) werden u. a. Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen zentral organisiert und angeboten. Dazu gehören Symposien wie das Osnabrücker Geflügelsymposium, Workshops (Zielgröße etwa 20 Teilnehmer) oder auch themen- und bedarfsorientierte Inhouse-Schulungen zur Haltung, zum Management, zur Fütterung et cetera. Zielgruppe der Fort- und Weiterbildungsangebote sind Personen mit und ohne Hochschulzugangsberechtigung, u. a. Fach- und Führungskräfte der Geflügelwirtschaft, berufliche Quereinsteiger, Tierhaltende und Tierbetreuende von Geflügelbeständen, verantwortliche Personen in der Geflügelbranche, Agraringenieure und Tierärzte.
Hochschule Osnabrück: Fortbildung im an der Osnabrücker Poultry Academy mit Prof. Dr. Robby Andersson.
Hochschule Osnabrück: Fortbildung im an der Osnabrücker Poultry Academy mit Prof. Dr. Robby Andersson. © Hochschule Osnabrück
DGS: Angeboten wird auch der Zertifikatskurs „Poultry Professional“. Was verbirgt sich dahinter? Kaufmann: Beim „Poultry Professional“ erwirbt man aktuelle Kenntnisse und Fähigkeiten. Um diese Kenntnisse und letztlich das Zertifikat im Sinne des Gesetzgebers aufrechtzuerhalten, müssen in zwei Jahren 20 „CEPS“ gesammelt und nachgewiesen werden. Diese CEPS-Punkte können durch Teilnahme an von der OPA oder externen Einrichtungen angebotenen qualifizierten Fortbildungsveranstaltungen erworben werden. Der Zertifikatskurs „Poultry Professional“ ist im Rahmen des UK Poultry Passport anerkannt, sodass Teilnehmer nach erfolgreichem Abschluss auch auf internationaler Ebene ihre Kenntnisse und Kompetenzen im Bereich des Nutzgeflügels nachweisen können. Dieser Kurs erfreut sich großer Beliebtheit. Bislang konnten wir hier etwa 200 Personen mit dem Zertifikat ausstatten und damit in das System der kontinuierlichen Fortbildung einspeisen. DGS: Warum soll man Geld dafür zahlen, wenn es kostenfreie Angebote gibt (z. B. Netzwerk Fokus Tierwohl)? Oder besteht hier eine Zusammenarbeit? Kaufmann: Ehrlicherweise fallen mir kaum Angebote ein, die in der Routine, also außerhalb von Projektförderungen, Probe- oder Schnupperkursen, kostenfrei sind. Das Netzwerk Fokus Tierwohl ist ein gefördertes Projekt, weswegen es kostenfreie Angebote ermöglicht. Wie viel von dem Angebotsportfolio dann nach Ende der Projektförderung übrig bleibt bzw. verstetigt werden kann, wird sich zeigen. Das ist wünschenswert, denn grundsätzlich freuen auch wir uns, wenn wir in das Netzwerk durch Referententätigkeiten Expertise einspielen können. Gleichzeitig können unsere Poultry Professionals von dem Angebot profitieren und sich Inhalte im Rahmen der Aufrechterhaltung anerkennen lassen. Weiterhin ist StanGe auch in der AG des Netzwerk Fokus Tierwohl vertreten, sodass ich hier klar von einem „Miteinander“ sprechen würde. DGS: Wo liegen die Stärken und Schwächen des Angebots der Hochschule? Kaufmann: Ich denke in der Fort- und Weiterbildung ist es immer wichtig, seine eigenen Angebote u. a. hinsichtlich Relevanz, „Studierbarkeit“ und Wirksamkeit zu evaluieren. Dadurch, dass wir aus der Wissenschaft heraus agieren, in politischen Gremien aktiv sind und gleichzeitig über ein großes Netzwerk an Wirtschaftspartnern verfügen, haben wir genug Perspektive, um relevante Themen und Notwendigkeiten für verschiedene Zielgruppen zu identifizieren und in Fort- und Weiterbildungsformaten einzubringen. Aber hier kommen wir auch schnell zu der Schwäche: Wir sind in der Infrastruktur, Verwaltung und Administration der Hochschule „verhaftet“. Das setzt Limitationen, verkompliziert und verlangsamt Prozesse und Umsetzungen. Zudem können wir viele Sachen im Hinblick auf Fort- und Weiterbildung nicht im Hauptamt konzipieren und umsetzen. Auch wenn die Fort- und Weiterbildung an Hochschulen gewünscht, gefördert und als feste Säule proklamiert wird, ist die Realisierung entsprechender Angebote in der Praxis nach wie vor schwer. DGS: Wagen Sie einen Blick in die Glaskugel: Wie werden sich die Formate in Zukunft entwickeln? Kaufmann: Ich denke, dass es künftig mehr Fort- und Weiterbildungsangebote geben muss. Grundsätzliche Qualifizierungen werden in Zukunft nicht mehr ausreichen, um den spezifischen und immer breiteren Anforderungen im Agrar- und Geflügelbereich gerecht zu werden.
Grundsätzliche Qualifizierungen reichen künftig nicht mehr aus, um den spezifischen und immer breiteren Anforderungen im Agrar- und Geflügelbereich gerecht zu werden. Dr. Falko Kaufmann
Diversifikations- und Transformationsprozesse im Agrar- und Lebensmittelbereich benötigen gezielte Angebote von Lehr- und Lernszenarien mit einer entsprechenden Aufrechterhaltung von Kompetenzen. Wir erleben auch den Trend weg von inhaltlicher Breite, hin zur Nachfrage nach sehr feingliedrigen, spezifischen Themen. Wir bereiten uns hierauf vor, werden das Angebot des Poultry Professional tierartenspezifisch diversifizieren und z. B. den berufsbegleitenden Master in ein Zertifikatsstudium überführen, an dessen Ende ein Masterabschluss stehen kann, aber eben auch nicht muss. Ich denke, dass klassische Qualifizierungswege und -möglichkeiten künftig aufbrechen werden und zertifizierte, modulare Lehrinhalte verschiedenster Formate an Bedeutung gewinnen werden, die dann über Anerkennungsmodelle und Durchlässigkeiten zu einem Abschluss oder einer Qualifikation zusammengebunden werden können. Weiterhin müssen wir bestehende und künftige Angebote internationalisieren – zum einen für Personen, die aus dem Ausland in den deutschen Arbeitsmarkt eintreten. Wir müssen aber auch unsere Leute für den ausländischen Arbeitsmarkt oder -ort vorbereiten.  Wir wollen Schulungsangebote praktisch und angewandt gestalten. Die Vermittlung von Fertigkeiten und Fähigkeiten an und mit Tieren wird allerdings zunehmend herausfordernder, da sich die rechtlichen Rahmenbedingungen geändert haben. Auch zu Ausbildungszwecken kann eine tierversuchsrechtliche Genehmigung notwendig werden, was aufwendig ist und die Vermittlung von Fertigkeiten deutlich erschwert.
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