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Newcastle Disease in Deutschland

Was hinter dem Virus steckt und worauf es jetzt im Stall ankommt

Die Newcastle Disease tritt erstmals seit Jahrzehnten wieder in deutschen Geflügelbeständen auf. Ein stark besuchtes Webinar zeigt, wie groß der Informationsbedarf ist. Für Betriebe geht es jetzt vor allem um ein Verständnis des Virus und um die Frage, wie belastbar die eigenen Impfkonzepte sind.

von Vivien Kring erschienen am 18.03.2026
Viele Betriebe setzen auf die Impfung über die Tränke. Für einen gleichmäßigen Schutz kommt es auf Dosierung und Aufnahme an. © miglbauer/agrar-press
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Dass sich mehr als 1.000 Teilnehmer online in ein Abendseminar einwählen, passiert selten. Beim Thema Newcastle Disease war dies am 17.03.2026 der Fall. Fokus Tierwohl und die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen hatten eingeladen, gesprochen hat Dr. Holger Stolle, Fachtierarzt für Geflügel von der Praxis Pöppel. Allein die Beteiligung zeigt, wie die Situation in den Betrieben wahrgenommen wird. Die Newcastle Disease war über viele Jahre ein Thema, das im Hintergrund lief. Die Impfprogramme standen und akute Ausbruchsgeschehen spielten im Alltag kaum eine Rolle. Aber genau dies scheint sich nun zu verändern.

Seit Anfang 2026 sind in Deutschland wieder Fälle von ND nachgewiesen worden. In der fachlichen Einordnung fällt häufig der Verweis auf die frühen 1990er Jahre. Damals war die Krankheit zuletzt breiter im Bestandsgeschehen angekommen. Das bedeutete aber nicht, dass das Virus verschwunden war, sondern, dass es über lange Zeit unter Kontrolle gehalten wurde.

Was das Virus auszeichnet

Das Newcastle-Disease-Virus gehört zu den aviären Paramyxoviren Typ 1. Seine Besonderheit liegt weniger im Erreger selbst als in seiner Variabilität. Es gibt apathogene Stämme, die praktisch keine klinische Bedeutung haben. Am anderen Ende stehen hochvirulente Varianten, die zu schweren Verläufen und hohen Verlusten führen. Dazwischen liegt ein breites Spektrum. Diese Einteilung in apathogene, lentogene, mesogene und velogene Stämme ist für die Praxis mehr als eine akademische Differenzierung. Sie erklärt, warum sich das Krankheitsbild im Bestand so unterschiedlich darstellt. Lentogene Stämme verursachen meist nur milde respiratorische Symptome wie Husten oder Niesen. Bei mesogenen Varianten kommen Leistungseinbrüche hinzu, insbesondere ein Rückgang der Legeleistung und eine reduzierte Futter- und Wasseraufnahme. Velogene Stämme führen dagegen häufig zu akuten Verläufen mit hoher Sterblichkeit, teils begleitet von neurologischen Erscheinungen wie Lähmungen oder Drehbewegungen sowie typischen Blutungen im Verdauungstrakt.

Die Ursache für diese Unterschiede liegt in der Biologie des Virus. Zentral ist das Fusionsprotein. Es ermöglicht dem Virus das Eindringen in die Wirtszelle und bestimmt damit maßgeblich die Pathogenität. Je nach Struktur dieser Spaltstelle kann sich das Virus auf den Atemwegs- und Darmtrakt beschränken oder systemisch im gesamten Organismus ausbreiten. Genau dieser Unterschied entscheidet darüber, ob ein Bestand klinisch unauffällig bleibt oder ein akutes Krankheitsgeschehen entwickelt.

Für die Einschätzung im Betrieb ist außerdem wichtig, wo sich das Virus vermehrt. Weniger virulente Stämme bleiben meist auf Darm- und Respirationstrakt begrenzt. Hochvirulente Varianten breiten sich dagegen im gesamten Körper aus. Entsprechend vielfältig sind die möglichen Symptome und Organveränderungen, von respiratorischen Problemen bis hin zu Blutungen im Drüsenmagen, im Blinddarm oder im Dünndarm.

Die Inkubationszeit liegt typischerweise zwischen zwei und fünfzehn Tagen. Innerhalb dieses Zeitraums kann sich das Virus bereits im Bestand ausbreiten, ohne dass zwingend eindeutige Symptome auftreten. Das erklärt, warum sich Bestände häufig bereits vollständig durchseuchen, bevor ein Verdacht überhaupt entsteht.

Ein weiterer Punkt, der in der Praxis häufig unterschätzt wird, ist die Übertragung. Neben der direkten Infektion über Sekrete infizierter Tiere spielt die indirekte Übertragung eine große Rolle. Kontaminiertes Wasser, Futter, Einstreu oder Gerätschaften reichen aus, um das Virus in den Bestand einzutragen. Auch Kleidung und Schuhwerk können als Vektoren dienen. Wildvögel fungieren zudem als Reservoir und können das Virus in Hausgeflügelbestände eintragen.

Diese Kombination aus variabler Pathogenität, oft unspezifischem Krankheitsbild und vielfältigen Übertragungswegen macht das Virus für die Praxis schwer greifbar. Genau deshalb ist die Einordnung über klinische Beobachtung allein nicht ausreichend.

Infektion und Verbreitung können unauffällig verlaufen

Ein zentraler Punkt aus dem Vortrag von Dr. Holger Stolle betrifft die Rolle geimpfter Bestände. Impfprogramme schützen vor klinischen Ausbrüchen und stabilisieren den Bestand, sie schließen eine Infektion jedoch nicht grundsätzlich aus. Die Impfung reduziert die Virusvermehrung und dadurch auch die Weiterverbreitung. So können geimpfte Tiere das Virus aufnehmen, ohne deutlich zu erkranken. Gleichzeitig ist aber eine Ausscheidung möglich. Das Virus wird dann über respiratorische Sekrete und Kot ausgeschieden und kann so weitergegeben werden. Dies erklärt, warum sich das Virus häufig nicht über offensichtliche Krankheitsausbrüche verbreitet, sondern über indirekte Wege. Dr. Stolle betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung von Querkontakten also Bewegungen von Personal, Gerätschaften, Transportmittel, Eier und Verpackungen zwischen Beständen. Dort entstehen die Verbindungen, über die sich das Virus verbreitet.

Einordnung des aktuellen Geschehens

Die aktuelle Situation in Deutschland steht nicht für sich. Ein Blick nach Polen zeigt, wie sich das Geschehen entwickeln kann. Dort wurden allein zwischen Anfang Januar und Mitte März 2026 insgesamt 28 Ausbrüche der Newcastle Disease registriert. Betroffen waren nicht nur einzelne Kleinsthaltungen, sondern auch Legehennen-, Puten- und Masthähnchenbestände. Bereits 2025 waren in Polen 86 Fälle dokumentiert worden. Das zeigt, dass sich das Virus dort über einen längeren Zeitraum im System bewegt hat. Für die Einschätzung im Betrieb ist vor allem ein Punkt relevant. Die Weiterverbreitung erfolgt häufig nicht über direkte Tierkontakte, sondern über Querverbindungen zwischen Beständen. Im Vortrag wurden hier insbesondere Personal, Material und Eier genannt.

Damit wird die Frage nach dem Eintrag sehr konkret. Es geht weniger um einzelne Herkunftslinien, sondern um Abläufe, die Verbindungen zwischen Betrieben schaffen.

Impfpflicht ist eindeutig, Umsetzung oft nicht

Die Impfpflicht gegen Newcastle Disease ist in Deutschland eindeutig geregelt. Grundlage ist die Geflügelpest-Verordnung. Sie schreibt die Impfung für alle Hühner (Gallus gallus) und Puten vor, unabhängig von der Bestandsgröße. Damit gilt die Pflicht bereits ab einem Tier und betrifft gewerbliche Betriebe ebenso wie private und Hobbyhaltungen. Gerade in kleineren Beständen wird die Impfung jedoch nicht durchgängig umgesetzt, zum Teil auch aus Unkenntnis.

Für die Praxis ist die Aufgabenteilung klar geregelt. Der betreuende Tierarzt erstellt den Anwendungsplan, schult den Tierhalter und dokumentiert die Maßnahmen. Der Tierhalter ist für die Durchführung der Impfung sowie für die Dokumentation verantwortlich, die über mehrere Jahre aufzubewahren ist.

Entscheidend ist also nicht die formale Umsetzung, sondern die Qualität des Impfkonzepts. Ein stabiler Bestandsschutz entsteht in der Regel nur durch die Kombination mehrerer Impfstrategien.

Die Impfungen im Überblick

Ein stabiler Schutz gegen Newcastle Disease entsteht durch mehrere Bausteine:

Vektorimpfstoffe werden meist sehr früh eingesetzt, häufig bereits in der Brüterei. Sie sorgen für eine erste Grundimmunität und sind vor allem deshalb wichtig, weil sie standardisiert und unter kontrollierten Bedingungen verabreicht werden. Für sich allein reichen sie aber nicht aus, sie müssen im Stall durch weitere Impfungen ergänzt werden.

Lebendimpfstoffe bilden das Rückgrat der ND-Impfung. Sie setzen direkt an den Schleimhäuten an und fördern die lokale und zelluläre Immunität. Damit wirken sie genau dort, wo das Virus in den Körper eindringt. Je nach Stamm unterscheiden sich Verträglichkeit und Stärke der Immunantwort. Mildere Stämme sind gut verträglich, bauen aber weniger Druck auf das Immunsystem auf. Stärkere Stämme erzeugen eine bessere Immunität, können aber auch deutlicher reagieren.

Inaktivierte Impfstoffe werden in der Regel per Injektion verabreicht und stabilisieren die systemische Immunität. Sie sorgen für eine belastbare Antikörperantwort, setzen aber meist eine vorherige Grundimmunisierung voraus. Als alleinige Maßnahme sind sie deshalb nicht ausreichend, im Zusammenspiel mit Lebendimpfstoffen jedoch ein wichtiger Baustein.

Nicht nur der Impfstoff entscheidet, sondern auch die Art der Anwendung

Im Seminar wurde deutlich, dass sich der Impferfolg nicht allein am Produkt entscheidet, sonders es ebenso wichtig ist, wie der Impfstoff in den Bestand gebracht wird.

  • AugentropfJedes Tier erhält seine Dosis individuell und direkt.Vorteil: Sicherheit in der Verabreichung. Wenn sauber gearbeitet wird, ist klar, dass jedes Tier tatsächlich geimpft wurde. Nachteil: hoher Arbeitsaufwand. Für große Bestände ist das Verfahren aufwendig und praktisch nur begrenzt umsetzbar. Es eignet sich eher dort, wo Tierzahlen überschaubar sind oder wo eine sehr gezielte Einzelapplikation nötig ist.
  • SprayimpfungViele Tiere werden in kurzer Zeit erreicht, wichtig bei jungen Tieren. Große Tropfen bleiben eher im oberen Respirationstrakt, kleinere dringen tiefer vor, bis in Lunge und Luftsäcke. Heißt: Mit der Tropfengröße verändert sich auch, wo die Immunantwort ausgelöst wird.Vorteil: schnelle und breite Applikation.Nachteil: technische Empfindlichkeit. Wenn Gerät, Druck oder Tropfenspektrum nicht stimmen, kommt der Impfstoff nicht dort an, wo er wirken soll.
  • TränkeimpfungIm Stallalltag weit verbreitet, weil sie sich organisatorisch gut in den Betrieb einfügt und viele Tiere gleichzeitig erreicht.Vorteil: praktische Umsetzbarkeit. Große Gruppen lassen sich ohne Einzelhandling impfen.Nachteil: alle Tiere müssen innerhalb eines engen Zeitfensters ausreichend Wasser aufnehmen (vorher bis zu 3h dursten lassen). Der Impfstoff muss unmittelbar vor der Anwendung resuspendiert werden, die Stabilisierung mit AviBlue wurde genannt, und die Lösung darf nur in der Menge angesetzt werden, die innerhalb von etwa zwei Stunden aufgenommen wird. Danach verliert der Impfstoff an Wirkung. Bei Kontakt mit desinfizierten Leitungen oder Händen (Chlor) inaktiviert der Impfstoff.
  • Nadelimpfungwird bei inaktivierten Impfstoffen eingesetzt. Vorteil: definierte Dosis je Tier, präzise Verabreichung.Nachteil: Arbeitsaufwand, Stress für die Tiere und die Gefahr von Injektionsfehlern; setzt routiniertes Personal und saubere Abläufe voraus.

Dr. Stolle zeigte auf, wo und welche Impffehlern häufig passieren, denn genau an diesem Punkt könnten gute Konzepte scheitern. Genannt wurden Lagerfehler, mangelhafte Resuspension, falsche Impfdauer, falscher Impfzeitpunkt, keimtötende Substanzen wie Chlor oder Desinfektionsmittel und bei Nadelimpfungen Injektionsfehler.

Der eigentliche Kern dahinter ist einfach: Ein Impfprogramm ist nur so gut wie seine Durchführung. Ein Betrieb kann formal korrekt impfen und trotzdem Lücken im Schutz haben, wenn der Impfstoff unterwegs an Wirkung verliert oder Tiere nicht gleichmäßig erreicht werden.

Biosicherheit und Diagnostik

Die Grundprinzipien der Biosicherheit wie Hygieneschleusen, betriebseigene Kleidung, geregelte Zugänge und klare Trennung von Bereichen gehören seit Jahren zum Standard. Im aktuellen Kontext erhalten diese Maßnahmen eine neue Bedeutung. Denn wenn Infektionen unauffällig verlaufen können, wird die Prävention zum entscheidenden Faktor. Ein Eintrag des Virus lässt sich nur über konsequent eingehaltene Abläufe verhindern. Dr. Stolle machte das im Seminar deutlich: Biosicherheit ist keine ergänzende Maßnahme, sondern die Grundlage, auf der alle weiteren Strategien aufbauen.

Die Diagnostik erfolgt in Deutschland über die zuständigen Behörden, unterstützt durch das Friedrich-Loeffler-Institut als Referenzlabor. Moderne Verfahren ermöglichen eine schnelle Identifizierung und Charakterisierung von Virusisolaten. Gleichzeitig bleibt eine Einschränkung. Wenn Infektionen ohne klinische Symptome verlaufen, hängt der Nachweis von gezielten Untersuchungen ab. Ohne entsprechenden Anlass kann das Virus im Bestand verbleiben, ohne unmittelbar erkannt zu werden.

Die aktuelle Entwicklung führt weniger zu neuen Maßnahmen als zu einer veränderten Gewichtung. Denn Impfprogramme müssen vollständig umgesetzt und im Detail überprüft werden. Es reicht nicht, einzelne Bausteine zu erfüllen. Entscheidend ist, ob das Gesamtsystem funktioniert.

Gleichzeitig müssen betriebliche Abläufe daraufhin geprüft werden, wo indirekte Übertragungswege entstehen können. Gerade diese unscheinbaren Verbindungen sind im aktuellen Geschehen von besonderer Bedeutung.