Zweinutzungshühner: Noch weit weg vom Ideal
Die Eier- und Geflügelfleischproduktion mit Zweinutzungshühnern ist die teuerste Alternative zum Töten von Eintagsküken und wegen der Ressourcenverschwendung fragwürdig. Womöglich bieten diese aber einen Zusatznutzen gegenüber den spezialisierten Hochleistungshybriden hinsichtlich der Tiergesundheit oder für die Erhaltung gefährdeter Hühnerrassen (GEH e.V. Liste). In dieser Studie wird versucht, einen aktuellen Überblick über die Zucht und die Leistungsprüfung von Zweinutzungshühnern zu geben.
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Kurz und bündig
Die Zucht eines idealtypischen Zweinutzungshuhns ist alles andere als einfach. Um gute Legeleistung und hohe Eizahlen zu erreichen, werden oft Hähne aus Mastlinien mit Hennen aus Legelinien angepaart. Bei einigen Gebrauchskreuzungen zeigen sich schon heute gute Legeleistungen, während die Futterverwertung, Zuwachsrate und Schlachtausbeute noch verbessert werden müssen. Kommerzielle Kreuzungen großer Geflügelzuchtunternehmen weisen bereits eine gute Schlachtkörperkonfirmation und gute Legeleistung auf. In ein bis zwei Jahren werden verschiedene Forschungsprojekte weitere Erkenntnisse zur Kombinationseignung verschiedener Rassen und Linien liefern.
Die Zucht von Zweinutzungshühnern ist seit dem Käfigverbot 2010 und der Umstellung auf alternative Legehennenhaltungssysteme in den Fokus der Diskussion gerückt. Im Gegensatz zur „Bruderhahnaufzucht“ von Hochleistungshybriden werden beim Zweinutzungshuhn i. d. R. zwei Rassen (oder Linien) gekreuzt, um auf diesem Wege Heterosis in der Eizahl und additive Kreuzungseffekte bezüglich des Fleischertrags zu kombinieren. Dabei steht oft der „Masttyp“ auf der Hahnenseite und der „Legetyp“ auf der weiblichen Seite der Anpaarung (siehe Tabelle 1). Um die Taxonomie im Weiteren zu vereinfachen wurde folgende Einteilung in Kommerzielle Zweinutzungskreuzungen (KK) der etablierten Zuchtunternehmen wie Lohmann Breeders, Hendrix Genetics, Tetra oder Novogen, Gebrauchskreuzungen (GK) mit Fokus auf Ökoproduktion (ÖTZ cream and coffee) oder den Erhalt gefährdeter Rassen (GEH e.V., 2021) und der züchterischen Verbesserung reiner Rassen (R) vorgenommen. Die Daten wurden aus verschiedenen Studien mit sehr unterschiedlicher Genauigkeit (Feldstudien und Stationsprüfungen), verschiedenen Haltungsformen (Indoor bis Mobilstall) Besatzdichten und ökologischen und konventionellen Fütterungsvarianten, sowie Management zusammengefasst.
Eine sehr gute, umfangreiche Metaanalyse lieferte dabei der Abschlussbericht des Verbundprojekts „Konzeption einer ökologischen Hühnerzucht – mit besonderer Beachtung einer möglichen Zweinutzung“. Darüber hinaus sollte berücksichtigt werden, dass sich die Legeleistung (LL) in einigen Untersuchungen auf die 21. bis 72. Lebenswoche bezieht, in anderen auf 365 Produktionstage. D. h., das Alter bei Legereife wurde nicht immer berücksichtigt. Rassehühner erreichen 50 % LL oft erst nach der 26. Lebenswoche. Auch auf der Mastseite ist das derzeit vorhandene Datenmaterial sehr heterogen. Zum Teil wurden die Hähne mit Junghennen-Aufzuchtfutter in Mehlform gefüttert, es kam aber auch pelletiertes Broilerfutter zum Einsatz. Die Zielgewichte und damit das Schlachtalter variierte zwischen zehn bis 20 Lebenswochen. In manchen Fällen mussten mangels aktueller valider Studien Zielwerte von Management Manuals der Zuchtfirmen bzw. Rassestandards des BDRG als Quellen verwendet werden. Trotz aller Einschränkungen der Datenbasis ist eine grobe Einordnung verschiedener Herkünfte als Zweinutzungshuhn möglich.
Rassehühner (R)
Es zeigt sich, dass reine „Hobbyrassen“ sowohl in der Legeleistung als auch im Fleischertrag sehr weit vom „idealen Zweinutzungshuhn“ entfernt sind. Dies gilt insbesondere für leichte Legerassen, deren tatsächliche ø Legeleistung zum Teil deutlich unter den Standards des BDRG (140 bis 200 Eier) liegt. Die täglichen Zunahmen der Hähne bewegen sich oft nur zwischen 10 bis 20 g. Die Varianz innerhalb einer Rasse, zwischen Züchtern und Stämmen (väterliche Halbgeschwister-Gruppen) ist allerdings sehr hoch. So sind mittels langjähriger Selektion durchaus Leistungssteigerungen möglich. Auf Heterosis muss in der Reinzucht allerdings verzichtet werden. Selbst wenn es gelingt, nach Jahrzehnten ein zufriedenstellendes „reinrassiges Zwiehuhn“ zu züchten, stellt sich das Problem der kontinuierlichen Belieferung der Landwirte mit größeren Stückzahlen. Neben der gezielten Paarung, Leistungserfassung und Selektion in den Basiszuchten müssten Vermehrungsherden aufgebaut werden. Trotz aller Vorbehalte gibt es ambitionierte Initiativen mit regionalem Bezug. Beispielsweise wird im Öko2Huhn-Projekt von einer Kooperation der Uni Hohenheim, der HS Weihenstephan Triesdorf mit den Landwirtschaftlichen Lehranstalten Triesdorf der Aufbau einer Zuchtpopulation des Baden-Württembergischen Sundheimer Huhnes geprüft (siehe Tabelle 2).
So sollte das ideale Zweinutzungshuhn sein
Hennen
- Legeleistung: > 250 Eier in 52 Produktionswochen
- Eigewicht: > 60 g
- S Eieranteil: < 10%
- Futterverwertung: < 2.800
Hähne:
- Tägl. Zunahmen: 30-40 g
- Ausschlachtung: > 68%
- Brustanteil: > 18%
- Futterverwertung: < 2.500 (2 kg Zielgewicht lebend)
Zusatznutzen:
- Biodiversität (Erhalt gefährdeter Rassen)
- Regionalität
- Schönheit (z.B. Becherkamm, Haube und Gefiederfarbe) Eierschalenfarbe
- Tiergesundheit (Brustbeinbrüche)
- Verhalten (Pickverletzungen)
Gebrauchskreuzungen (GK)
Tabelle 3 zeigt, dass einige Gebrauchskreuzungen schon heute ca. 220 bis 250 Eier mit befriedigendem Eigewicht produzieren können. Die täglichen Zuwachsraten der Hähne liegen zwischen 22 und 29 g (siehe Tabelle 3 ÖTZ: Bresse x WR und Mechelner x WR). Die Futterverwertung, die Zuwachsrate, die Schlachtausbeute und der Brustmuskelanteil der Hähne dieser GK müssten noch verbessert werden. Der Vorteil von GK liegt im Zusatznutzen. So könnten auf diesem Weg vom Aussterben bedrohte Hühnerrassen erhalten werden. Ein Beispiel wäre das Kolbecksmoorhuhn, eine Kreuzung des noch vor einigen Jahren stark gefährdeten Vorwerkhuhns mit kommerziellen White Rock-Elterntieren der Lohmann Breeders. Durch den Verkauf dieses Zweinutzungshuhns konnte ein Erhaltungszuchtring aufgebaut und die Rasse des Vorwerkhuhns stabilisiert werden. Derzeit sind laut Roter Liste der GEH (2021) elf Hühnerrassen extrem gefährdet und sieben Rassen als hoch gefährdet eingestuft. Dazu gehören z. B. für die Gebrauchskreuzung interessante, großrahmige, schwere Rassen wie die Mechelner oder die Deutschen Langschan und das Deutsche Lachshuhn. Aber auch die Rassen Bresse Gauloise und Maran sind interessante Anpaarungspartner für Braunleger-ET-Linien kommerzieller Legehennen-Zuchtfirmen oder der ökologischen Tierzucht (ÖTZ).
Zunahme gut, Eier zu klein
Inwieweit eine Erhaltungszucht leichter Rassen durch Anpaarung mit langsam wachsenden Mastlinien (Aviagen: z. B. Ranger gold, Ranger classic, ISA: z.B. ISA JA 757 oder Hubbard bzw. Sasso ) zum Erfolg führt, ist fraglich. Die Anpaarung extrem gefährdeter Augsburger Hähne an Ranger Gold Hennen an der LfL in Kitzingen zeigte zwar ordentliche Zunahmen (25,2 g) und ansprechende Schlachtkörper (20,5 % Brustanteil), aber sehr kleine Eier (56,9 g) mit einem unbefriedigenden Anteil schwer verkaufsfähiger S-Eier (38 %). Im Regio Huhn Projekt werden derzeit sechs alte, gefährdete Rassen mit regionalem Bezug sowohl mit Legeelterntieren (WR: Lohmann breeders) als auch mit langsam wachsenden Mastelterntieren (Ranger Gold: Aviagen) gekreuzt, um spezielle Kombinationseignungen und Heterosis dieser Gebrauchskreuzungen zu eruieren. Selbst wenn dies in ein bis zwei Jahren von Erfolg gekrönt ist, so steht auch dieses GK Projekt vor dem Problem der „Verstetigung“ der Zuchtarbeit in Hobby Rassebeständen mit Datenerfassung, Selektion nach einem einheitlichen Zweinutzungsindex und Aufbau von Vermehrungsherden. Am Versuchsgut Frankenforst der Universität Bonn stehen zumindest schon heute kleine Nukleusherden der Rassen Altsteirer, Augsburger, Mechelner, Bielefelder, Ramelsloher und Ostfriesische Möwen und es erfolgt in Mariensee eine Kryokonservierung von Sperma selektierter Reinzuchthähne in einer Genbank.
Kommerzielle Kreuzungen (KK)
Große Geflügelzuchtunternehmen haben bereits 2012 Zweinutzungshühner gezüchtet und vermehrt. Die Lohmann Braun Dual (Lohmann breeders), die Walesby special, oder auch die Novogen Dual Henne wurden unter konventionellen Bedingungen an der Landesanstalt in Kitzingen und nach Grundsätzen des ökologischen Landbaus an der HS Weihenstephan geprüft. Es handelte sich meist um Kreuzungen von WR mit langsam wachsenden Mast ET. Die daraus fallenden E&F-Hühner zeigten ordentliche Zunahmen von 29 bis 43 g (siehe Tabelle 3) und eine gute Schlachtkörperkonfirmation mit einer respektablen LL von 228 bis 265 Eiern.
Exterieur und Leistung homogen
Ein Problem waren anfangs die kleinen Eier mit hohem S-Ei-Anteil vor allem bei den LBD und der ersten Generation der Walesby specials der Brüterei Hölzl. Dies war der Verwendung des rezessiven, geschlechtsgebundenen Zwerggens bei den Hennen der Zweinutzungshühner geschuldet. Zwerghennen benötigen ca. 1/3 weniger Erhaltungsfutter und können mit Ad-libitum-Fütterung aufgezogen werden, legen aber leider auch kleinere Eier. Insgesamt bestand in den letzten Jahren sehr wenig Nachfrage nach Zweinutzungshühnern. Es gibt daher zur Zeit kaum kommerzielle Vermehrungsherden. Durch Übernahme und Firmenfusionen haben die großen Zuchtunternehmen heute sowohl Braunleger-Reinzuchtlinien als auch langsam wachsende Mastlinien in ihrem Zuchtportfolio. Sie sind daher in der Lage, relativ rasch, bei wachsender Nachfrage nach E&F Hühnern, Vermehrungsherden aufzubauen, ohne zusätzliche Zuchtarbeit leisten zu müssen. Bei den kommerziellen Zweinutzungskreuzungen bekommt der Landwirt ein vom Exterieur und Leistung homogenes Endprodukt. Die Tiere legen meist cremefarbene Eier, sind robust und ruhig, neigen wenig zum Federpicken, müssen im Auslauf nicht hoch gezäunt werden und liefern am Ende der Legeperiode eine schwere Suppenhenne. Ein Beitrag zur Biodiversität wird dadurch allerdings nicht geleistet.
Fazit
- Die neue Rechtsprechung zum Töten männlicher Eintagsküken von Legehybriden erfordert die Nutzung aller alternativen Ansätze. Neben der Geschlechtsbestimmung im Brutei und der „Bruderhahnaufzucht“ ist daher auch die Züchtung von Zweinutzungshühnern gefragt.
- Durch das Tötungsverbot verbessert sich die relative ökonomische Konkurrenzfähigkeit von E&F-Hühner geringfügig.
- Neben der Lege-, Mast- und Schlachtleistung rücken zunehmend „weiche Kriterien“ wie der Erhalt extrem gefährdeter Hühnerrassen oder Zusatznutzen bezüglich Tiergesundheit und Verhalten in den Fokus bei der Zucht und Kreuzung von Zweinutzungshühnern.
- Bereits jetzt gibt es eine Vielzahl geprüfter Kreuzungen, die mehr oder minder als Zweinutzungshuhn geeignet sind und regionale Bedeutung als Marktnische erlangen könnten.
- Verschiedene Forschungsprojekte werden in ein bis zwei Jahren weitere Erkenntnisse zur Kombinationseignung verschiedener Rassen und Linien liefern.
- Die Substitution von Hochleistungs-Legehybriden durch Zweinutzungshühner erfordert einen Anstieg des Legehennenbestandes um 25 bis 30 % in Deutschland, um den Selbstversorgungsgrad von ca. 70 % in der Eiererzeugung zu halten.
Abgrenzung zur Bruderhahnaufzucht
Bis zu den 1960er-Jahren des letzten Jahrhunderts waren Zweinutzungsrassen wie White Rock, Rhodeländer, Sussex, New Hampshire oder Barred Plymouth Rock weit verbreitete „Zwiehühner“ und deren Eier (ca. 200 bis 220 Stück pro Legejahr) und Fleisch (ca. 20 g tägliche Zunahmen) sehr geschätzte Lebensmittel. Der starke Antagonismus zwischen Reproduktion (Legeleistung ), Mast-(Zunahmen) und Schlachtleistungsparametern (Brustmuskelanteil) erschwerte die gleichzeitige Verbesserung beider Merkmalskomplexe in E&F-Hühnerrassen und führte ab Mitte des letzten Jahrhunderts zum Siegeszug der Hybridzucht – getrennt nach Selektionsziel Eiererzeugung bzw. Fleisch. Bei der Bruderhahnaufzucht wiederum werden die Hähne von Legehybriden aufgezogen. Mit dem Verbot der Tötung männlicher Legehybriden ab dem 1. Januar 2022 müssen derzeit alle Alternativen zum Töten männlicher Eintagsküken evaluiert und eventuell genutzt werden.
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