
Neues aus Österreich für die gesamte Branche
Vom 2. bis 4. Februar 2026 wurde die Seifenfabrik Graz zum Treffpunkt der österreichischen Geflügelwirtschaft. Beim Geflügelkongress 2026 spannte sich der Bogen über die gesamte Wertschöpfungskette der Branche, von Erzeugung und Fütterung über Tiergesundheit und Zucht bis hin zu Markt, Handel und Konsumentenerwartungen. Für Beobachter aus Deutschland bot die Veranstaltung aufschlussreiche Einblicke in ein Nachbarland, das strategisch stark auf Herkunft, Qualität und partnerschaftliche Strukturen setzt.
von Franz Knittelfelder erschienen am 10.03.2026Der erste Kongresstag widmete sich den wirtschaftlichen und agrarpolitischen Rahmenbedingungen. Eröffnet wurde die Veranstaltung von Markus Lukas, der hochrangige Ehrengäste begrüßte, darunter den Abgeordneten zum Nationalrat, Georg Strasser, sowie den LKÖ-Präsidenten (Landwirtschaftskammer Österreich) Josef Moosbrugger. Beide betonten die Bedeutung der heimischen Geflügelwirtschaft für Versorgungssicherheit und Wertschöpfung im ländlichen Raum. Gleichzeitig verwiesen sie auf steigende Produktionskosten und wachsende gesellschaftliche Erwartungen an Tierhaltung und Lebensmittelproduktion.
In den Fachvorträgen analysierten Branchenvertreter aktuelle Markttrends. Simon Lindenthaler von Lidl Österreich prognostizierte positive Entwicklungen. Gerade in Zeiten hoher Inflation steige die Nachfrage nach Geflügelfleisch als vergleichsweise preisgünstige Proteinquelle. Zugleich wachse das Bio-Segment deutlich. Das zeigt, dass Konsumenten differenziert entscheiden und sowohl Preis als auch Qualitätsaspekte berücksichtigen.
Galaabend: Würdigung von Lebenswerken
Der erste Tag endete mit einem festlichen Galaabend, der nicht nur dem Austausch der Teilnehmer diente, sondern auch der Würdigung wichtiger Persönlichkeiten der Branche. Im Mittelpunkt standen Ella Titz und Hermann Huber sen., die über Jahrzehnte die österreichische Geflügelwirtschaft mitgestaltet haben. Ella Titz baute gemeinsam mit ihrem Mann einen steirischen Geflügelschlachtbetrieb auf und prägte über Jahrzehnte dessen Entwicklung. Hermann Huber sen., von 1989 bis 2001 Obmann der Arbeitsgemeinschaft landwirtschaftliche Geflügelwirtschaft Österreich (ALGÖ), führte die Branche auch in Zeiten intensiver öffentlicher Debatten mit großem Engagement.
In ihren Dankesworten betonten beide die Bedeutung von Bodenständigkeit, Verlässlichkeit und partnerschaftlicher Zusammenarbeit innerhalb der Geflügelwirtschaft.
Tag 2: Broiler- und Putenmast, Tiergesundheit
Der zweite Kongresstag stand im Zeichen der Mast von Broilern und Puten sowie der Tiergesundheit. In den Fachvorträgen wurden zentrale Erfolgsfaktoren moderner Geflügelproduktion beleuchtet.
Eduard Schneeberger, Leiter des Produktmanagements bei Fixkraft, legte seinen Schwerpunkt auf die fachgerechte Aufbereitung von Sojabohnen, da unzureichend behandelte Sojaprodukte antinutritive Inhaltsstoffe enthalten können und damit Leistung und Tiergesundheit beeinträchtigen (Fachbeitrag dazu folgt).

Veterinärin Magdalena De Souza-Pilz von der Süddeutschen Truthahn AG sprach über die bewusstere Wahrnehmung im und um den Putenstall und ob dies die Wirtschaftlichkeit beeinflussen kann. Ergänzend gab Hühnermäster Stefan Rath, Produktionsberater bei der GGÖ (Geflügelmastgenossenschaft Österreich), Einblicke in technische und richtlinienbedingte Anforderungen an besonders tierfreundliche Masthühnerställe und wie sich diese Vorgaben in der Praxis umsetzen lassen. Am Nachmittag befassten sich mehrere Vortragende mit der aktuellen Vogelgrippe-Situation sowie mit Präventions- und Biosicherheitsmaßnahmen. Diskutiert wurden betriebliche Schutzkonzepte, Stallhygiene und Gesundheitsmonitoring.
Einen weiteren Akzent setzte der K&P Hendlhof aus der Steiermark mit der Verkostung von Fleisch und Eiern der Zweinutzungsrasse Bresse Gauloise. Das Feedback fiel durchweg sehr positiv aus. Für kleinere Erzeugergemeinschaften kann sich daraus ein mögliches Differenzierungsmodell ergeben, wenn sie Premiumprodukte mit klarer Herkunft und Tierwohlfokus anbieten.
1Im Putenstall mit allen Sinnen
Trotz zunehmender Digitalisierung und Sensorik bleibt der Mensch weiterhin die wichtigste Kontrollinstanz im Stall. Geflügel verfügt grundsätzlich über die gleichen Sinne wie der Mensch, nimmt seine Umwelt jedoch teilweise völlig anders wahr.

Beim Sehen unterscheiden sich Vögel besonders deutlich vom Menschen. Sie nehmen ultraviolettes Licht wahr und reagieren sensibel auf Lichtfarbe, Intensität und Veränderungen der Beleuchtung. Auch Flackern wird von Geflügel deutlich stärker gesehen. Nicht flackerfreie Beleuchtung kann deshalb Unruhe im Bestand verursachen. Ebenso spielen Schattenwürfe, Lichteinfall durch Fenster oder Wintergärten sowie Bewegungen außerhalb des Stalls eine Rolle. Vorbeifahrende Fahrzeuge, bewegte Schatten oder auch Windräder können bei den Tieren Stress auslösen. Für Tierhalter liefern Gefiederzustand, Kopffarbe, Blickkontakt oder Bewegungsmuster wichtige Hinweise auf Vitalität und Wohlbefinden der Tiere.
Auch das Gehör des Geflügels ist sehr ausgeprägt. Tiere können Geräusche präzise lokalisieren und reagieren sensibel auf ungewohnte oder plötzlich auftretende Töne. Veränderungen in der Geräuschkulisse im Stall können deshalb wertvolle Hinweise liefern. Vom schrillen Warnruf über veränderte Lautäußerungen bis hin zu typischen Geräuschen bei Küken lassen sich Rückschlüsse auf den Zustand der Herde ziehen. Auch technische Geräusche sollten ernst genommen werden. Klappernde Futteranlagen, ungewohnte Motorgeräusche oder Veränderungen in der Lüftung können Stress verursachen und sollten überprüft werden.
Der Geruchssinn des Geflügels gilt zwar als weniger stark ausgeprägt, dennoch reagieren Tiere auf ungewohnte oder stechende Gerüche. Für den Menschen sind Gerüche im Stall wichtige Indikatoren für das Stallklima. Ammoniak, säuerlicher Kotgeruch oder auch Verbrennungsabgase liefern Hinweise auf Lüftungsprobleme, Einstreuqualität oder technische Defekte. Besonders wichtig ist dabei die Wahrnehmung auf Tierhöhe, denn dort wirken sich Klima und Schadgase unmittelbar auf die Tiere aus.
Auch Geschmack und Hygiene spielen im Stallalltag eine Rolle. Sauberes, temperiertes Trinkwasser, regelmäßig gereinigte Tränken und ein schmackhaftes Futter sind entscheidend für Aufnahme und Leistung. Ebenso sollten Konsistenz, Pelletsqualität und optische Merkmale des Futters regelmäßig kontrolliert werden.
Beim Fühlen geht es vor allem um Einstreuqualität, Bodentemperatur und Luftbewegung im Stall. Harte oder feuchte Einstreu belastet die Fußballengesundheit der Tiere. Zugluft kann insbesondere für Küken problematisch sein. Wer bewusst wahrnimmt, wie sich Einstreu, Boden oder Luftbewegung im Stall anfühlen, erkennt mögliche Probleme oft schneller als nur über technische Messwerte allein.
Tag 3: Legehennen, Technik und Zucht
Der dritte Kongresstag spannte einen weiten Bogen von globalen Systemfragen bis zur Stallpraxis.
Prof. Wilhelm Windisch (ehemaliger Leiter des Departements für Lebensmittelwissenschaften, der BOKU Universität Wien und Direktor des Instituts für Tierernährung der Technischen Universität München) ordnete die Rolle der Nutztierhaltung in ein globales Ernährungssystem ein. In seinem Vortrag plädierte er für eine differenzierte Betrachtung der Tierhaltung im Spannungsfeld von Nahrungskonkurrenz, Flächennutzung und Klimadebatte.
Nutztiere im nachhaltigen Ernährungssystem
Grundlage aller Ernährungssysteme ist pflanzliche Biomasse. Nur Pflanzen können durch Photosynthese neue Biomasse bilden, alle anderen Organismen sind darauf angewiesen. Damit wird landwirtschaftliche Nutzfläche zu einem begrenzenden Faktor der globalen Lebensmittelproduktion. Seit 1970 hat sich die Weltbevölkerung von rund 4 auf 8 Mrd. Menschen verdoppelt. Die gesamte Ackerfläche ist weltweit um knapp 5 % gestiegen, das heißt, die annähernd gleiche Ackerfläche muss doppelt so viele Menschen ernähren. In Europa und Nordamerika ist es noch drastischer, da hier in den letzten Jahrzehnten große Flächen verloren gegangen sind. Runtergebrochen auf Fußballfelder ernährte ein Fußballfeld im Jahre 1970 ca. zweieinhalb Menschen, heute sind es rund vier Menschen.
Die Überschüsse an Getreide und Soja, die seit der Grünen Revolution entstanden, bildeten, laut Windisch, lange Zeit die Grundlage der Veredelungswirtschaft. Pflanzliche Rohstoffe wurden über Nutztiere in hochwertige Lebensmittel wie Fleisch, Milch und Eier umgewandelt. Besonders Geflügel hat sich dabei aufgrund seiner guten Futterverwertung als sehr effizienter Veredler etabliert.
Künftig wird jedoch stärker darauf geachtet werden müssen, Nahrungskonkurrenz zu reduzieren und vorhandene Biomasse effizienter zu nutzen. Bei der Produktion pflanzlicher Lebensmittel fallen große Mengen an Nebenprodukten an, etwa Stroh, Kleie oder Pressrückstände. Diese Stoffströme können über Nutztiere sinnvoll genutzt und wieder in den Ernährungskreislauf eingebunden werden, so Windisch.
Für die Geflügelhaltung ergibt sich daraus eine besondere Herausforderung. Geflügel gilt zwar als effizientester Futterverwerter, steht aber stärker in Konkurrenz zur menschlichen Ernährung als andere Tierarten. Entscheidend werden daher eine weitere Verbesserung der Futtereffizienz, der gezielte Einsatz von Nebenprodukten sowie Fortschritte in Zucht, Fütterung und Management sein.
WPSA-AUSTRIA Seminar
Das Seminar der WPSA-AUSTRIA im Rahmen des Geflügelkongresses widmete sich aktuellen Fragestellungen rund um Fütterung und Haltung von Legehennen. Dabei wurden die besonderen Herausforderungen der Bio-Legehennenfütterung angesprochen, die oft unterschätzte Bedeutung von Mykotoxinen als „unsichtbare Leistungsbremse“ sowie neue Erkenntnisse zur Optimierung der Tiergesundheit aus dem sogenannten Brustbeinprojekt. Die Beiträge zeigten, wie Fütterungsmanagement, Rohstoffqualität und Haltungsbedingungen gezielt verbessert werden können – für mehr Leistung und Tierwohl (Fachbeitrag folgt).

Eine Blindverkostung von Eiern der Linien Lohmann Brown, Lohmann Sandy und Bressehuhn verband Theorie und Praxis. Auch hier zeigte sich, dass Qualität und Differenzierung an Relevanz gewinnen.
Ein Blick über die Grenze lohnt sich
Für deutsche Geflügelhalter und Unternehmen lohnt sich der Blick nach Österreich. Der Lebensmitteleinzelhandel setzt dort konsequent auf Herkunftskennzeichnung, viele Programme arbeiten mit kurzen Lieferketten, und die Zusammenarbeit zwischen Erzeugern, Vermarktung und Handel ist eng organisiert. Die Beispiele aus Österreich zeigen, dass Qualität, transparente Herkunft und verlässliche Partnerschaften wirtschaftlich tragfähig sein können.
Der Geflügelkongress 2026 in Graz zeigte, wie stark die Branche in Österreich auf Qualität, Innovation und eine enge Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette setzt. Für die deutsche Geflügelwirtschaft liefert dieser Blick über die Grenze einige Denkanstöße, etwa wenn es um Marktanforderungen, Tierwohl und wirtschaftliche Tragfähigkeit geht.
Der Geflügelkongress 2026 in Graz brachte Vertreter aus Landwirtschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Beratung zusammen. Diskutiert wurden aktuelle Markttrends, steigende Anforderungen an Tierwohl und Herkunftskennzeichnung sowie Fragen der Tiergesundheit und Biosicherheit. Fachvorträge aus Praxis und Forschung beleuchteten unter anderem Stallmanagement, Zuchtfortschritte und die Rolle der Geflügelhaltung in zukünftigen Ernährungssystemen. Deutlich wurde dabei, dass Effizienz, Tiergesundheit und klare Qualitätsstrategien entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit der Branche bleiben.




