
Zehenpicken: Belastungen in sensiblen Produktionsphasen
Zehenkannibalismus tritt vor allem rund um Legebeginn und Leistungsspitzen auf und kann Tierwohl und Bestandsstabilität beeinträchtigen. Forschungsergebnisse aus den USA lassen sich fachlich in die deutsche Geflügelpraxis einordnen.
von DGS Redaktion Quelle ModernPoultry, Purdue University erschienen am 15.01.2026Schädigende Verhaltensweisen wie Federpicken sowie Kloakenkannibalismus sind in der Legehennenhaltung seit Langem bekannt. Auch Zehenkannibalismus ist in der Fachpraxis kein neues Phänomen, wurde jedoch bislang seltener systematisch untersucht. Eine Auswertung von Wissenschaftlern der Purdue University beschreibt Auftreten, mögliche Ursachen und Folgen dieses Verhaltens unter Bedingungen der US-amerikanischen Legehennenhaltung.
Die Autoren ordnen ihre Ergebnisse ausdrücklich in den Kontext nordamerikanischer Produktionssysteme ein. Untersucht wurden überwiegend große Bestände in Boden- und Volierenhaltungen mit leistungsstark selektierten Legehennenlinien. Trotz struktureller Unterschiede lassen sich zentrale Beobachtungen auch auf europäische und deutsche Haltungsbedingungen übertragen.
Auftreten in Umstellungs- und Hochleistungsphasen
Nach den ausgewerteten Daten tritt Zehenkannibalismus überwiegend gruppenweise auf. Der Beginn liegt häufig zwischen der 20. und 30. Lebenswoche, mit einer Häufung zwischen der 30. und 50. Woche. Diese Zeiträume fallen mit dem Umstallen aus der Aufzucht sowie mit Legebeginn und Legeleistungsspitze zusammen.
Die Autoren sehen hierin einen Zusammenhang mit erhöhten Belastungen durch Stallwechsel, veränderte Sozialstrukturen und steigende stoffwechselphysiologische Anforderungen. Vergleichbare Belastungssituationen bestehen auch in deutschen Betrieben, insbesondere bei der Integration von Junghennen in Legebestände.
Auswirkungen auf Tierwohl und Funktionalität
Zehenverletzungen infolge von Pickhandlungen gehen mit mehreren Beeinträchtigungen einher. Betroffene Hennen zeigen ein verändertes Bewegungsverhalten und meiden erhöhte Stallbereiche. In Beobachtungen verließen verletzte Tiere erhöhte Ebenen schneller als unverletzte Hennen, was auf Unsicherheit und Schmerzen bei Balance- und Laufbewegungen hindeutet.
Zusätzlich wurden bei zehenkannibalisierten Hennen vergrößerte Nebennieren festgestellt. Dies gilt als Hinweis auf eine erhöhte Stressbelastung. Stressbedingte Veränderungen können wiederum die Immunabwehr beeinträchtigen. Offene Verletzungen an den Zehen stellen zudem potenzielle Eintrittspforten für bakterielle Erreger dar.
In mehrstöckigen Haltungssystemen hat eine eingeschränkte Mobilität besondere Bedeutung. Futter-, Wasser- und Ruhebereiche sind räumlich getrennt. Können Tiere diese Bereiche nicht mehr sicher erreichen, ist die Grundversorgung beeinträchtigt.
Mögliche Einflussfaktoren
Als begünstigende Faktoren für Zehenkannibalismus werden mehrere Aspekte genannt:
- Genetik: Leichte Legehennenlinien und weißlegende Herkünfte zeigten häufiger schädigendes Pickverhalten als schwerere oder braune Linien.
- Beleuchtung: Hohe Lichtintensitäten und direkter Lichteinfall standen mit einer erhöhten Pickaktivität in Zusammenhang.
- Ernährung: Ungleichgewichte bei essenziellen Aminosäuren wie Methionin und Lysin sowie bei Mineralstoffen wurden mit kannibalistischen Verhaltensweisen in Verbindung gebracht.
- Stalltechnik und Materialien: Verletzungen durch ungeeignete Stallbauteile, Roste oder abrasive Einstreu können Auslöser sein. Die Wahl der Materialien ist dabei abzuwägen, da sowohl Metall- als auch Kunststoffelemente spezifische Vor- und Nachteile in Bezug auf Verletzungsrisiko, Haltbarkeit, Reinigung und Parasitenmanagement aufweisen.
- Gesundheitsstatus: Bestände mit wiederkehrenden bakteriellen Infektionen, unter anderem durch Escherichia coli, zeigten häufiger Verhaltensauffälligkeiten.
- Stressbelastung: Hitze, Kälte, Überbelegung, Futterrestriktionen und unsachgemäßer Umgang wirkten verstärkend.
Diese Faktoren sind auch unter deutschen Produktionsbedingungen grundsätzlich relevant, wenngleich Management, Tierdichten und rechtliche Vorgaben variieren.
Einordnung für die deutsche Geflügelwirtschaft
Zehenkannibalismus ist in der deutschen Legehennenhaltung bekannt, wird jedoch häufig als Begleiterscheinung anderer Problemlagen betrachtet. Die US-Auswertung verdeutlicht, dass dem Verhalten eigenständige Bedeutung zukommt, insbesondere im Zusammenhang mit Leistungsphasen und strukturellen Belastungen im Bestand.
Die Autoren empfehlen einen kombinierten Ansatz aus angepasster Linienwahl, Lichtmanagement, bedarfsgerechter Fütterung, verletzungsarmer Stallgestaltung sowie konsequenter Biosicherheit. Für deutsche Betriebe ergibt sich daraus kein unmittelbarer Handlungsleitfaden, wohl aber ein fachlicher Bezugspunkt für die Bewertung eigener Bestandsprobleme.
Zehenkannibalismus kann zu erheblichen Gewebeschäden, erhöhter Stressbelastung und funktionellen Einschränkungen bei Legehennen führen. Die vorliegenden US-Daten liefern Ansatzpunkte für eine vertiefte fachliche Auseinandersetzung. Für eine belastbare Bewertung unter hiesigen Bedingungen wären weiterführende Untersuchungen in europäischen Beständen erforderlich.








