
Neue Studie: Weniger Importe, mehr Klimaschutz
Eine aktuelle Studie der Berliner Denkfabrik Agora Agrar zeigt, dass Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit in der Land- und Forstwirtschaft vereinbar sind.
von AgE Quelle AgE erschienen am 13.01.2026Deutschland kann seine Nettoagrarimporte bis 2045 deutlich verringern und gleichzeitig die Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft um rund 60 % senken. Das geht aus einer am Dienstag, den 13. Januar 2026 veröffentlichten Studie der Berliner Denkfabrik Agora Agrar hervor.
Demnach ließe sich der Bedarf an Nettoagrarimporten auf die Fläche bezogen von derzeit rund 4 Mio. Hektar auf etwa 1 Mio. Hektar reduzieren. Eine solche Einsparung entspräche etwa der Fläche des Bundeslandes Brandenburg. Gleichzeitig könnten mehr Biomasse für die Bioökonomie und ausreichend Lebensmittel für eine gesunde Ernährung erzeugt werden, heißt es in der Analyse. Auf diese Weise ließe sich strategische Autonomie in Zeiten zunehmender geopolitischer Risiken ebenso stärken wie Nachhaltigkeit, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit.
Studie: Tierhaltung einer der größten Klimaschutzhebel
Allerdings braucht es dafür laut den Autoren eine deutlich pflanzenbasiertere Ernährung als heute. Zudem müssten Moore großflächig wiedervernässt, die Emissionen aus der Tierhaltung spürbar gesenkt und Biomasse verstärkt stofflich, etwa als Baustoff, anstatt energetisch genutzt werden.
Eine weitere Voraussetzung für die nötigen Investitionen und Innovationen ist für den Co-Direktor von Agora Agrar, Prof. Harald Grethe, zudem „Planungssicherheit durch eine langfristig verlässliche, evidenzbasierte Politik, die öffentliche Mittel effizient einsetzt”.
Die größten Hebel zur Treibhausgasreduktion sehen die Wissenschaftler der Denkfabrik in der Tierhaltung und der Moornutzung. Im skizzierten „Agora-Szenario“ sinken unter der Annahme, dass der Verzehr pflanzlicher Lebensmittel wie Gemüse, Hülsenfrüchte oder Nüsse deutlich steigt, während der Verzehr tierischer Lebensmittel zurückgeht, die Emissionen aus der Tierhaltung bis 2045 um 33 %. Der Rückgang der Emissionen resultiert dabei einerseits aus geringeren Tierzahlen und andererseits aus klimaeffizienteren Produktionsmethoden.
Geflügelmast: Moderater Rückgang berechnet
Konkret rechnen die Wissenschaftler, dass der Rückgang in der Geflügelmast aufgrund höherer Futtereffizienz und aktueller Konsumtrends vergleichsweise moderat ausfällt: Die Mast nimmt um 14 % ab, die Zahl der Legehennen um 37 %. Den stärksten Rückgang verzeichnet in der Studie die Schweinemast: Bis 2045 sinkt im Szenario die Zahl der Zuchtsauen um 59 %. Beim Rinderbestand berechnen die Wissenschaftler einen Rückgang um 45 %. Fleischrinder sind dabei stärker betroffen als Milchrinder, da Rindfleisch im Szenario überwiegend als Koppelprodukt der Milchviehhaltung anfällt.
Tierhaltung auf Klimaziel für 2040 vorbereiten
„Wichtig ist, die landwirtschaftliche Tierhaltung frühzeitig auf das ambitionierte Klimaziel für 2040 vorzubereiten“, erklärte Co-Direktorin Dr. Christine Chemnitz. Dafür brauche es gezielte politische Anreize, zum Beispiel für den Einsatz emissionsmindernder Technologien und Praktiken. Rund ein Drittel der im Agora-Szenario beschriebenen Emissionsminderung in der Tierhaltung stammt aus solchen Techniken. Wirksam sind demnach vor allem die Vergärung von Gülle in Biogasanlagen mit anschließend gasdichter Lagerung der Gärreste sowie der Einsatz von Güllezusätzen und Methanhemmern in der Fütterung.
Vergleichsweise günstig: Moorwiedervernässung
Für die Wiedervernässung landwirtschaftlich genutzter Moore, dem zweiten großen Klimaschutzhebel im Agora-Szenario, sind laut Studie vor allem verlässliche wirtschaftliche Perspektiven für die Betriebe nötig. Übergangsweise könnten Prämienzahlungen über einen Zeitraum von zehn bis 20 Jahren den Verzicht der Betriebe auf eine trockene Nutzung ausgleichen. Bei einer Vernässung von 80 % der landwirtschaftlich genutzten Moorflächen lägen die Gesamtkosten dafür bis 2045 bei rund 8 Mrd. Euro, schätzt Agora Agrar.
Das ist nach Einschätzung des Denkfabrikdirektors Grethe angesichts des Zeithorizonts der Ausgaben eine vergleichsweise geringe Summe. Schließlich fallen Deutschland aus dem Topf der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) knapp 6 Mrd. Euro zu – jährlich. Um die Flächen trotzdem weiter produktiv nutzen zu können, kommt zudem der Aufbau von Paludikulturwertschöpfungsketten, also aus land- und forstwirtschaftlicher Nutzung nasser oder wiedervernässter Moore, in der Studie eine wichtige Rolle zu.
Gemeinwohlleistungen müssen vergütet werden
Damit die in der Studie beschriebenen Potenziale gehoben werden können, müssten der Klima- und Biodiversitätsschutz und ein hohes Tierwohlniveau für die Betriebe zu einer ökonomischen Chance werden, empfehlen die Wissenschaftler von Agora Agrar. Entscheidend sei dafür, dass Gemeinwohlleistungen verlässlich honoriert würden, insbesondere aus den Mitteln der GAP.
„Um EU-Mittel auch in Zeiten knapper Kassen zu erhalten, sollten diese gezielt für die Honorierung von Gemeinwohlleistungen eingesetzt werden“, so Grethe. „So wird die Wettbewerbsfähigkeit einer nachhaltigen Landwirtschaft gestärkt.“ Gleichzeitig müsse der bürokratische Aufwand für die landwirtschaftlichen Betriebe möglichst geringgehalten werden, während Klima- und Biodiversitätsschutz die Produktivität nur minimal beeinträchtigten.
Zwei Instrumente können laut der Studie dazu beitragen: Ein Benchmarking-System, das die Gemeinwohlleistungen einzelner Betriebe vergleichbar macht und den Verwaltungsaufwand reduziert. Ergänzend soll ein Biodiversitätsindex erlauben, Maßnahmen zum Biodiversitätsschutz mit möglichst geringem Flächenbedarf kooperativ umzusetzen und ihre Wirkung auf Landschaftsebene zu erhöhen.








