
Zwischen Weltpolitik, Vogelgrippe und Marktlogik
Eindrücke von der Generalversammlung des Internationalen Geflügelrats (IPC – International Poultry Council) und der Internationalen Fachmesse für Geflügel und Geflügelverarbeitung (International Poultry and Processor Exhibition – IPPE) in Atlanta/USA.
von Wolfgang Schleicher, Geschäftsführer Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) erschienen am 03.02.2026Als Geschäftsführer des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) war die Reise nach Atlanta zur Generalversammlung des Internationalen Geflügelrats (IPC) und zur Internationalen Fachmesse für Geflügel und Geflügelverarbeitung (IPPE) in Atlanta/USA in mehrfacher Hinsicht eine Premiere. Zwar verfolgt der ZDG die internationalen Entwicklungen seit Jahren intensiv aus Deutschland heraus, doch der persönliche Austausch vor Ort, die Gespräche am Rande und die geballte Dichte an Themen haben eine andere Qualität. Der Besuch von IPC und IPPE in Atlanta war ein eindrücklicher Spiegel dafür, wie unterschiedlich die Antworten der globalen Geflügelwirtschaft auf die Herausforderungen sind.
Eine Branche im geopolitischen Spannungsfeld
Schon die Diskussionen während der IPC-Generalversammlung machten deutlich: Geflügelwirtschaft lässt sich nicht mehr isoliert nur in der Agrar- oder Ernährungsbranche betrachten. Sie ist Teil geopolitischer Auseinandersetzungen, von Handelskonflikten und strategischer Versorgungspolitik. Mehrere Beiträge zeichneten das Bild einer Welt, in der verlässliche Regeln im internationalen Handel an Bedeutung verlieren. Stattdessen gewinnen Machtverhältnisse, bilaterale Absprachen und kurzfristige politische Interessen an Gewicht. „Deal or No-Deal“ (Deal – ja oder nein) als Strategie für schnelle, aber auch kurzfristige und weniger stabile Handelsbeziehungen zwischen Staaten löst mehr und mehr etablierte Strukturen wie WTO, Freihandel und Langfristigkeit ab. So sehr man sich auch über die oftmals lang anhaltenden Beratungen zu Handelsabkommen verwundert zeigen kann, bieten die bisherigen Regeln des internationalen Handels doch Planungssicherheit und Verlässlichkeit gerade auch für Landwirte, Verarbeiter und Unternehmen einer international agierenden Geflügelwirtschaft.
Für exportorientierte Branchen wie die Geflügelwirtschaft bedeutet das wachsende Unsicherheit. Absatzmärkte, die gestern noch offen waren, können morgen durch Zölle, Importstopps oder neue Auflagen blockiert sein. Gleichzeitig steigt der politische Wert von Lebensmitteln. Wer produzieren kann, gewinnt strategische Bedeutung – steht aber auch stärker unter Beobachtung.
Versorgungssicherheit ist kein Selbstläufer!
Aus Sicht des ZDG bestätigt sich hier eine zentrale Position: Versorgungssicherheit ist kein Selbstläufer und darf politisch nicht als gegeben vorausgesetzt werden. Eine leistungsfähige heimische Geflügelwirtschaft ist Teil der strategischen Daseinsvorsorge. Das setzt verlässliche politische Rahmenbedingungen voraus – national wie europäisch – und einen realistischen Blick auf internationale Wettbewerbsverhältnisse. Handelsabkommen, Tierhaltungs- und -gesundheitsfragen sowie Nachhaltigkeitsanforderungen müssen so gestaltet sein, dass sie Versorgungssicherheit stärken und nicht unbeabsichtigt untergraben. Diese Ambivalenz war ein roter Faden vieler Gespräche.
„Eine leistungsfähige heimische Geflügelwirtschaft ist Teil der strategischen Daseinsvorsorge.“ Wolfgang Schleicher
Geflügel bleibt Wachstumsträger – aber nicht überall gleich
Trotz dieser Unsicherheiten ist der Grundtenor zur Marktentwicklung bemerkenswert positiv. Geflügelfleisch profitiert weltweit von seiner vergleichsweise günstigen Klimabilanz, seiner Preiswürdigkeit und der breiten Akzeptanz in unterschiedlichen Kulturen. Besonders Asien bleibt der zentrale Wachstumsmotor. In Nordamerika und Europa dagegen verschiebt sich der Fokus stärker auf Wertschöpfung: weniger Mengenwachstum, dafür mehr Veredelung, Convenience und Differenzierung über Programme wie antibiotikafreie Produktion oder Premiumsegmente.
Diese Entwicklung deckt sich in Teilen mit unseren Entwicklungen in Deutschland. Gleichzeitig wurde mir in Atlanta noch einmal klar, wie unterschiedlich die Stellschrauben je nach Region sind. Während in Europa intensiv über Haltungsformen, Kennzeichnung und gesellschaftliche Akzeptanz diskutiert wird, stehen in den USA Effizienz, Skalierung und Verarbeitungstiefe deutlich stärker im Vordergrund.
Vogelgrippe: von der Ausnahme zur neuen Normalität
Ein zentrales Thema der Generalversammlung des IPC war die Hochpathogene Aviäre Influenza (HPAI). Die Vogelgrippe ist längst keine saisonale Erscheinung mehr, sondern eine dauerhafte globale Herausforderung. Die Zahl der betroffenen Länder nimmt zu, Ausbrüche treten ganzjährig auf, und zunehmend rücken auch andere Tierarten in den Fokus.
Deutlich wurde: Reine Krisenreaktion reicht nicht mehr aus. Die internationale Fachwelt fordert einen strategischen Ansatz, der Prävention, Biosicherheit, Monitoring und – wo sinnvoll – Impfstrategien miteinander verbindet. Impfstoffe sind verfügbar, doch ihr Einsatz bleibt politisch und handelspolitisch hochsensibel. Viele Exportländer fürchten Marktverluste, wenn sie Impfprogramme einführen. Gleichzeitig stößt das flächendeckende Keulen von Beständen gesellschaftlich an Grenzen.
„Impfungen können ein Baustein sein, dürfen aber weder isoliert betrachtet noch pauschal ausgeschlossen werden“. Wolfgang Schleicher zur Impfung gegen HPAI
Hier decken sich die internationalen Diskussionen klar mit der Position des ZDG. Wir setzen uns seit Langem dafür ein, Tiergesundheit stärker präventiv zu denken und wissenschaftsbasierte Instrumente konsequent zu nutzen. Impfungen können ein Baustein sein, dürfen aber weder isoliert betrachtet noch pauschal ausgeschlossen werden. Entscheidend ist ein integrierter Ansatz aus Biosicherheit, Überwachung, Frühwarnsystemen und klaren Handelsregeln.
Für Deutschland ist dabei zentral, dass Tierseuchenpolitik nicht zu einer schleichenden Wettbewerbsbenachteiligung führt. Wenn Impfstrategien international akzeptiert werden sollen, braucht es abgestimmte Regelwerke und gegenseitiges Vertrauen. Hier kommt Gremien wie dem IPC eine zentrale Rolle zu. Deutlich wurde, dass die Geflügelwirtschaft über das IPC stark und eng verbunden mit der WOAH (Weltorganisation für Tiergesundheit) und unsere Inhalte Gehör finden.
IPPE: Technik, Tempo und ein anderer Blick auf den Markt
Parallel zur IPC-Generalversammlung bot die IPPE einen faszinierenden Einblick in die industrielle Realität der globalen Geflügel- und Fleischwirtschaft. Die Messe ist in ihrer Dimension und Internationalität beeindruckend. Automatisierung, Digitalisierung und Verarbeitungstiefe prägen die Ausstellung. Viele Lösungen zielen darauf ab, Arbeitsprozesse zu vereinfachen, Personal zu ersetzen oder Produktionslinien noch effizienter zu machen.

„Store-Checks bei Walmart, Aldi und Lidl zeigen sehr klar, wie der US-Markt tickt: Preis schlägt Haltung.“ Woflgang Schleicher
Besonders aufschlussreich war der Blick in den Lebensmitteleinzelhandel vor Ort. Store-Checks bei Walmart, Aldi und Lidl zeigen sehr klar, wie der US-Markt tickt: Preis schlägt Haltung. Eigenmarken setzen den Maßstab, Teilstücke dominieren das Sortiment, große Verpackungseinheiten sind selbstverständlich. Aussagen zur Produktionsweise beschränken sich meist auf wenige Claims wie den Verzicht auf Antibiotika. Klassische Haltungskennzeichnungen spielen im Massenmarkt kaum eine Rolle – sowohl bei Eiern als auch bei Fleisch.
Bei den Preisen für Lebensmittel muss man auch besser differenzieren, als wir das häufig mit dem Blick auf die USA tun. Grundnahrungsmittel, wie Eier, Fleisch, Milch, Kartoffeln oder Zwiebeln sind günstig – zum Teil auch günstiger als in Deutschland. Teuer wird es im Retail dort, wo mehr und mehr Verarbeitungstiefe – also im Convenience-Bereich – enthalten ist.
Deutlich wird, wie unterschiedlich die gesellschaftlichen und politischen Erwartungen an die Geflügelwirtschaft sind. Für den ZDG ist klar: Der deutsche Weg mit höheren Tierwohl- und oft einseitig auf ökologische Kriterien ausgerichtete Nachhaltigkeitsstandards ist eine bewusste gesellschaftliche Entscheidung, aber weit von einem ganzheitlichen Nachhaltigkeitsansatz entfernt. Damit dieser Weg wirtschaftlich tragfähig bleibt, müssen Mehrkosten jedoch entlang der Wertschöpfungskette über den Markt honoriert werden. Internationale Wettbewerbsfähigkeit lässt sich nicht allein über ordnungsrechtliche Vorgaben sichern, sondern braucht funktionierende Marktmechanismen, verlässliche Kennzeichnungssysteme und eine ehrliche Debatte über Preise und über Produktionsweisen, um die heimische Erzeugung abzusichern.

USA: Wertschöpfung wird über Verarbeitung generiert
Gleichzeitig wird deutlich, dass Wertschöpfung in den USA konsequent über Verarbeitung erzielt wird. Marinierte, vorgegarte oder vollständig zubereitete Produkte nehmen viel Regalfläche ein und erzielen höhere Preise als frische Rohware. Auch Spezialsegmente werden gezielt bedient. Das ist ein anderer Ansatz als in Europa, aber einer, der wirtschaftlich äußerst konsequent und erfolgreich umgesetzt wird.
Atlanta hat mir vor allem eines gezeigt: Die Geflügelwirtschaft steht weltweit vor ähnlichen Herausforderungen, beantwortet sie aber regional sehr unterschiedlich. Tiergesundheit, Marktvolatilität, gesellschaftliche Erwartungen und politische Eingriffe sind globale Themen. Lösungen lassen sich jedoch nicht eins zu eins übertragen.
Für Deutschland und Europa bleibt entscheidend, internationale Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen und aktiv mitzugestalten. Der Austausch im IPC ist dafür unverzichtbar. Aus Sicht des ZDG geht es dabei um mehr als Informationsgewinn: Es geht darum, deutsche und europäische Positionen frühzeitig einzubringen, unsere gesellschaftspolitisch motivierten Standards darzulegen und zugleich realistische und gemeinsame Rahmenbedingungen dort einzufordern, wie wir vor ähnlichen Herausforderungen stehen.
Hohe Anforderungen an Tierhaltung, Umwelt- und Klimaschutz sind nur dann dauerhaft tragfähig, wenn sie mit wirtschaftlicher Perspektive verbunden bleiben. Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Tiergesundheit müssen gemeinsam gedacht werden. Es muss wieder mehr in Kreisläufen und ganzheitlichen Ansätzen gedacht, gehandelt und produziert werden, auch in großen Maßstäben. Eine auf „Man muss gefallen“ ausgerichtete Kommunikation verbunden mit der Übernahme moralisierender Positionen hat aus meiner Sicht keine Zukunft wenn wir nachhaltig und wettbewerbsfähig produzieren wollen. Die Teilnahme an IPC und IPPE hat diesen Anspruch noch einmal geschärft.
Die Teilnahme an der IPC-Generalversammlung war nicht nur informativ, sondern auch ein wichtiger Perspektivwechsel. Die Spielregeln ändern sich – umso wichtiger ist es, dass wir als deutsche Geflügelwirtschaft an den Tischen sitzen, an denen diese Regeln diskutiert werden.









