Bauern in schwierigen Fahrwassern
DBV-Präsident Joachim Rukwied schilderte auf der Mitgliederversammlung seines Verbandes die schwierige Lage der deutschen Landwirte. Und er ging auch auf interne Kritik ein.
- Veröffentlicht am

Auf der Mitgliederversammlung des Deutschen Bauernverbandes (DBV) am 16. Oktober 2020 in Erfurt machte DBV-Präsident Joachim Rukwied deutlich, in welch schwieriger Lage sich die deutschen Landwirte befinden. Die Schweinehaltung stecke in der größten Krise seit Jahrzehnten. Rukwied forderte hier eine schnelle und unbu¨rokratische Unterstu¨tzung. Auch in anderen Betriebsausrichtungen sei die Lage mehr als angespannt. Geplante gesetzgeberische Maßnahmen würden die wirtschaftliche Situation in den Betrieben zuspitzen. Die Verschärfung der Düngeverordnung, das geplante Aktionsprogramm Insektenschutz oder die Tierschutznutztierhaltungsverordnung werden viele Betriebe ins Aus drängen. „Die Summe dieser Veränderungen ist in der derzeitigen wirtschaftlichen Situation nicht umsetzbar“, mahnt der Bauernpräsident.
Die Bauern seien grundsätzlich zu Veränderungen bereit. So unterstütze der Bauernverband die Vorschläge der Borchert-Kommission zum Umbau der Tierhaltung in Deutschland. Doch noch sei völlig unklar, wie dieser Umbau finanziert werden solle. „Damit dürfen die Bauern nicht alleingelassen werden“, fordert Rukwied.
Aufruf zum Zusammenhalt
In seiner Ansprache an die knapp 500 Delegierten rief Rukwied den gesamten Berufsstand zum Zusammenhalt auf. Die Großdemonstrationen des vergangenen Jahres haben nach seiner Einschätzung im positiven Sinn „etwas ausgelöst“. Man dürfe aber nicht zulassen, dass die Bauernschaft in eine „radikale Ecke“ gedrängt oder gespalten werde. Er wolle deshalb alles für einen einigen Berufsstand tun, der auch künftig auf eine „konstruktive Debatte“ statt einen „Generalangriff“ setzen will.
DBV-Präsidentin denkbar
Im Rückblick auf die Verbandsarbeit der vergangenen vier Jahre räumte Rukwied ein, dass bei der Einbindung des beruflichen Nachwuchses und der weiblichen DBV-Mitglieder „Luft nach oben“ sei. Der Verband plane hierzu Diskussionsveranstaltungen mit den Frauen im DBV auf Landesebene. Mit der Landjungend würden bereits Gespräche geführt, um deren Vorstellungen für einen moderneren Bauernverband einzuholen.
Rukwied schloss nicht aus, dass dem DBV-Präsidium nach der nächsten Wahl in vier Jahren Frauen angehören werden. Auch eine weibliche DBV-Präsidentin könne er sich vorstellen. Letztlich müssten dies die Delegierten entscheiden.
Klöckner: Polarisierte Debatte
Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner beklagte in ihrer Grußansprache, dass die Diskussion um die Tierhaltung so polarisiert und so absolut geführt werde wie einst die Debatte um die Atomkraft oder die Windkraft. Sie warnte vor der Abwanderung der Tierproduktion aus Deutschland. „Mein Ziel ist, Wirtschaftlichkeit und Tierwohl auf deutschem Boden zusammenzubringen, die Tierhaltung, die gesellschaftlich akzeptierter ist, mit den Landwirten zusammen umzubauen“, erklärte Klöckner. Der Ausstieg aus der Tierhaltung sei für sie keine Option. Die CDU-Politikerin setzt deshalb auf die Umsetzung der Vorschläge der Borchert-Kommission.
Mit Blick auf die arg gebeutelte Schweinehaltung forderte die Ministerin „die Solidarität der ganzen Kette, vom Ferkelzüchter über den Schlachter bis zum Handel“. Die Top-3-Schlachtereien schlachteten fast 60 % aller Schweine in Deutschland, was keiner kompensieren könne. Das könne man beklagen. „Aber zur Ehrlichkeit gehört auch, dass kleinere, dezentrale Schlachtereien, die wir auch fördern, es schwer haben, die hohen Investitionen und Hygieneauflagen zu schultern“, stellte Klöckner fest.
Wahlen: Rukwied wiedergewählt
Die Mitgliederversammlung hat den amtierenden Präsidenten Joachim Rukwied mit 373 der 457 abgegebenen Delegiertenstimmen in Erfurt wiedergewählt. Das entspricht 81,6 Prozent der Stimmen. Damit ist Rukwied für weitere vier Jahre DBV-Präsident.
Wiedergerwählt wurden überdies die DBV-Vizepräsidenten Werner Schwarz aus Schleswig-Holstein, Walter Heidl aus Bayern und Karsten Schmal aus Hessen. Als neuen DBV-Vizepräsidenten wählten die Delegierten Detlef Kurreck aus Mecklenburg-Vorpommern. Wolfgang Vogel aus Sachsen, der seit 2007 Präsident des Sächsischen Landesbauernverbandes war, trat nicht mehr zur Wiederwahl an.
Kritik von LsV-Sprecher Andresen
Der Sprecher von Land schafft Verbindung, Dirk Andresen, nahm die Wiederwahl von DBV-Präsident Rukwied zum Anlass, dem Bauernverband und seinem Präsidenten Versäumnisse in der Verbandsarbeit und Kommunikation vorzuwerfen. In einem Video auf Facebook stellt Andresen fest, Rukwied habe nach den großen Bauerndemonstrationen mehr als ein Jahr Zeit gehabt, den DBV neu zu strukturieren und glaubwürdiger zu machen. Es habe sich seitdem sehr wenig geändert. Im Hinblick auf die Bauernproteste und die Kritik des DBV-Präsidenten, dass sich Teile des Protests radikalisiert hätten, sagte Andresen: „Wir haben und wir hatten zu keinem Zeitpunkt radikale Bauern“.
Rede Rukwied auf youtube.